DEDUST meets: Joey Bargeld

DEDUST meets: Joey Bargeld

„Kalifornien“ beschreibt den Traum, aus der Großstadt zu entfliehen. Ist das etwas, was du dir dauerhaft vorstellen kannst, oder eher als Abwechslung zur Großstadt?

Ich hatte die Idee, aus Hamburg wegzuziehen, schon länger. Kalifornien steht dafür, dass man diesen Ausstieg schafft, weil es hier so kalt ist. Ich sag auch, dass ich weg muss, weil ich frier. Es muss nicht mal Kalifornien sein, aber mal was anderes, was ruhigeres. Aber nicht zu weit von einer Großstadt, damit man immer mal ausweichen kann und nicht vollkommen versauert. Aber das ist auf jeden Fall ein Ziel. Ich könnte mir schon vorstellen, aus Hamburg rauszugehen. Kleines Studio, bisschen Hanf anbauen, fertig.

Die meisten Leute bleiben dann aber doch in der Stadt, die irgendwann stresst. Wann warst du das letzte mal richtig fucked ab?

Vorgestern. Ich habe zu viel gesoffen und dann verschlafen. Das war stressig und ich musste mich dafür entschuldigen. Das passiert mir jetzt nicht selten, dass ich einen über den Durst trinke. Auch gerade in der Promophase ist das ein bisschen der Ausgleich zu der Aufregung.

Der letzte Track auf dem Album „Warum liebst du mich?“ ist eine Gitarrenballade mit viel Herzschmerz. Die Frage im Songtitel beantwortest du allerdings nicht, sondern wirfst noch viel mehr auf.

Der Song ist ziemlich autobiographisch. Ich saß in meiner Wohnung und hatte eine depressive Phase. Alles war ziemlich blöd. Ich war nicht nett zu niemandem, zu mir selbst schon gar nicht. Dann hab ich mich gefragt, warum überhaupt jemand zu mir nett ist, weil es in der Zeit nicht verdient war. Es ist der persönlichste Song auf dem Album, weil er unmittelbar in der Szenerie entstanden ist. Ein paar Tage später habe ich ihn schon aufgenommen. Ich hab kein Job, geh morgens nicht raus, bin tagelang weg, komm morgens nach Haus. Nach vier Tagen feiern. Es gab derbe Streit, ich fand mich selbst ein Arschloch, hab aber auch nicht daran gearbeitet. Nur selbst gesagt, dass ich daran arbeite, aber es wurde irgendwie nicht besser. Dann gabs eine Trennung und es war ganz gut so. Ich war schon eine Belastung für mich und andere.

Einen Song darüber zu schreiben ist wahrscheinlich eine gute Art, das Verhalten zu reflektieren.

Das sagt auch jeder zweite Rapper: Musik ist Selbsttherapie. Stimmt auch wirklich. Du reflektierst das alles und wenn du es dann hörst, ist das wie ein Kreislauf. Das ist schon eine Art Verantwortung. Viele Musiker sind aber daran zerbrochen. Wie im echten Leben. Die einen schaffen das, die anderen nicht.

Wie sehen die nächsten Pläne nach dem Albumrelease aus?

Nüchtern bleiben bis zur Tour. Ich wollte wieder zum Boxen gehen und fit auf der Tour erscheinen.

Bei der Tour dann auch fit bleiben?

Ja. Die Turn-Ups haben wir auf der ersten Tour mit Haiyti gemacht. Die war lustig, aber wir sind ja auch schon ein bisschen älter, Trettmann und ich. Bei der letzten Tour hab ich das ein bisschen übertrieben. In Berlin hatten wir zwei Dates und beim zweiten Date war ich schon out of order und Hamburg war am nächsten Tag. Das war schon Rockstar-mäßig. Aber es bringt nichts, live leidet darunter. Man will ja Leuten auch etwas bieten und nicht nerven mit schiefen Tönen oder falschen Worten. Was mir pro Gig einmal passiert, egal ob nüchtern oder nicht. Ich habe zumindest gelernt, dass ich nüchtern besser abliefere. In Berlin, am zweiten Tag, hab ich nicht geschlafen, dachte ich brauche Amphetamine, was ich eigentlich nie nehme, und hab mir dann welche geben lassen. Ich dachte es wäre richtig geil gewesen und der Auftritt war top, der beste Auftritt der Tour. War aber gar nicht so. Trettmann hat dann auch gesagt „Was war los mit dir? Heute war anders.“ Man lernt nie aus, es ist auch ein Prozess.

In der ersten Version des Interviews waren zwei Fragen zu den Vorwürfen gegen Gzuz und Bonez MC von der 187 Strassenbande enthalten, die Joey Bargeld beantwortet hat. Das Label hat allerdings darum gebeten, diese zu entfernen. Als Ersatz empfehle ich meinen Blogbeitrag zu Cancel Culture.

Das Album „Punk is Dead“ erscheint am 13.09.2019 über Kamè Entertainment

Albumcover „Punk is Dead“
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