Gutes Movement, Bruh! | Ahzumjot live im Conne Island

Gutes Movement, Bruh! | Ahzumjot live im Conne Island

Um wen geht’s?

Ahzumjot ist schon etwas lĂ€nger im Game und dabei mit sehr wechselnden GefĂŒhlen und Herangehensweisen durch die Zeit gegangen. Nach ersten Wellen der Affmerksamkeit folgte 2014 das Album „Nix Mehr Egal“ beim Major-Label Universal, welches floppte. Es wurde offensichtlich, dass Ahzumjot mit den Strukturen seines Musikschaffens nicht wirklich zufrieden war und es folgten wieder Projekte im Selfmade-Stil, abseits von durchdachten Marketing- und Verkaufsstrategien. Etliche EP’s sprangen dabei heraus, 2017 wurde das Album „Luft und Liebe“ als Freedownload veröffentlicht. Sein letztes Projekt bezeichnet Ahzumjot selbst als ‚Playlist-Album‘, es trĂ€gt den Namen „Raum“. Keine EP, kein Mixtape, keine Promo, die auf einen festen Termin hinzielt. Stattdessen wurden nach und nach Songs zur Raum-Playlist geaddet, bis schließlich kurz vor dem Auftritt in Leipzig die letzten beiden Tracks die Playlist komplettierten und es nun als vollstĂ€ndiges Album durchhörbar ist. Definitiv eine interessante und seltene Herangehensweise, die symbolisch aufzeigt, wie egal Ahzumjot die gĂ€ngigen Zyklen von Veröffentlichungen im Deutschrap sind.

Worauf kann man sich gefasst machen?

Ahzumjot macht zwar Trap, versucht aber alles andere als auf irgendeinen Erfolgszug aufzuspringen. Daher findet man neben dem schon erwĂ€hnten Playlist-Konzept auch Experimente im Sound. Das zeigt sich zB in feinen Gesangsnoten, ab und zu den Verzicht auf wirklich harte BĂ€sse und dafĂŒr mehr Inhalt in den Texten. Der vielleicht beste Song von „Raum“ ist der Titeltrack und gleichzietig Intro dieses Playlist-Albums, da er das Wort ‚Experimentierfreudigkeit‘ quasi verkörpert. Trotz allem war natĂŒrlich von einem absoluten Turn-Up auszugehen, was denn auch sonst.

Was fĂŒr Leute gehen auf ein Ahzumjot-Konzert?

Ich hatte eigentlich mit vielen fancy gekleideten Hipster-Kiddos gerechnet, aber Ahzumjot zieht doch eher ein klassisches Hip-Hop-Publikum an. Halbwegs gut durchmischt mit jungen und ernergiegeladenen Menschen und solchen, die einfach schon zu viele Konzerte erlebt haben, um jedes mal komplett abzugehen. Diese Einteilung kann man zumindest nach den ersten drei Songs des Konzerts vornehmen, denn die erste Gruppe bleibt ab diesem Zeitpunkt weitestgehend in Bewegung, wÀhrend die zweite Gruppe einen weitlÀufigen Kreis formt, um die Grenzen des Ausrastens festzulegen.

Generell sind es nicht allzu viele Personen, die an diesem Freitagabend ihren Weg ins Conne Island finden. Das Wetter draußen ist gut und viele finden den Park wohl reizvoller als die Konzerthalle. Auch wenn das Conne Island mit einer KapazitĂ€t von 800 Leuten nicht gerade leicht vollzumachen ist, war der Andrang in anderen StĂ€dten, wie Berlin oder Köln, schon wahrnehmbar grĂ¶ĂŸer. Im Verlauf des Konzerts zeigt sich allerdings, dass die GrĂ¶ĂŸe des Conne Islands gar kein Problem darstellt, selbst, wenn es nur zur HĂ€lfte gefĂŒllt ist.

Was ging beim Konzert?

Support

Kam von BLVTH. Ein junger Mann mit interessanten SoundentwĂŒrfen, die zwischen ĂŒbersteuerten BĂ€ssen und sanftem Gesang einzuordnen sind. Die Lyrics kommen auf Englisch und gestalten die Tracks meist nicht die ganze Zeit lang, so dass viel Raum fĂŒr Instrumental-Parts bleibt. FĂŒr BLVTH ist es der erste Support-Gig auf der Raum-Tour und man merkt ihm eine leichte NervositĂ€t an, die sich allerdings schnell in Freude fĂŒr die WertschĂ€tzung seiner Musik wandelt. Er ist voll fokussiert, kommt sehr energiegeladen auf die BĂŒhne und springt mit seiner Bomberjacke fast ins Mischpult.

Live ist die Vielseitigkeit seiner Songs seine grĂ¶ĂŸte StĂ€rke. Manche Titel wirken wie ĂŒberzogene Parodien von Trap, bei denen die BĂ€sse derartig durch den Disortion-Filter gehauen wurden, dass ihnen jegliche Basslastigkeit schon wieder abhanden kommt, wĂ€hrend viele StĂŒcke mitreißend melodisch sind und mit leichtem Autotune dahinschweben. In manchen Momenten hat diese Mischung etwas vom Stil eines Yung Leans, nur weniger exzentrisch. Insgesamt kommen alles Tracks mit dem Live-Sound deutlich kraftvoller daher, als in den Musikvideos, die man auf der eigenen Musikanlage aufdreht. Daher empfehle ich euch stark ein Festival mit BLVTH im Line-Up rauszusuchen und euch seine Performance zu geben. Lohnt sich!

Ahzumjot

Vor Ahzumjot kommt zuerst Lev auf die BĂŒhne und spielt ein bisschen Warm-Up. Bevor es dann richtig losgeht, ertönt fĂŒr alle Bescuher noch eine wichtige Durchsage. Denn auf dem Ahzumjot-Konzert gibt es einige Regeln zu beachten, erklĂ€rt von einer halbwegs freundlichen Computerstimme. Gegenseitiger Respekt generell und Vorsicht im Moshpit im Speziellen sind realtiv gĂ€ngig und kommen auch oft als Ansage von anderen Acts. Etwas spezieller ist dagegen Ahzumjots Order, dass er auf dem Konzert keine Smartphones sehen will, die verwackelte Bilder vom Geschehen machen. Ich finde diese Idee generell ganz gut, so bleibt die Show einfach intimer und man konzentriert sich auf den eigentlichen Auftritt, anstatt auf die beste Kameraposition. Handyverbote auf Konzerten sind sowieso im Kommen, am professionellsten ist diese Sache wohl Jack White angegangen, bei dessen Konzerten es spezielle Bags gibt, in welche die Handies reingetan werden. Die Beutel kann man dann nicht im Konzertraum öffnen, sondern erst wieder im Eingangsbereich der jeweiligen Location. Ganz so strikt macht das Ahzumjot nicht, trotzdem zeigt die Ansage Wirkung und es gibt nur vereinzelt mal einen Videomitschnitt von der Show. Das Overload-Beitragsbild ist ĂŒbrigens auch eine Folge der Ansage, denn mein Handy hab ich in der Hosentasche gelassen.

Viele Showeffekte gibt es beim Konzert nicht. Im Hintergrund hĂ€ngen vier Leuchtstoffröhren, die ein Quadrat bilden, die SCheinwerfen Ă€ndern ab und zu die Farbtöne. Der Fokus liegt hier klar auf der Darbietung, ohne diese kĂŒnstlich pushen zu wollen. Und diese Darbietung können alle Beuscher so genießen, wie sie wollen. Die GrĂ¶ĂŸe des Conne Islands bietet freie Platzwahl und vor allem viel Bewegungsfreiheit. Das macht sich auch fĂŒr die Leute im Moshpit bemerkbar, selten hat man so viel Platz eingenommen, ohne dabei alle anderen Konzertbesucher stark zu nerven. Aber so bleibt alles ganz harmonisch, wie auch der Abend generell.

Zeitweise ist es fast schade, dass keine Fotos gemacht werden sollen, denn Ahzumjot liefert gute Posen. So macht er direkt nach dem ersten Song ein Pause, stellt seinen Fuß erhöht an den BĂŒhnenrand, schaut in die Menge und sagt etliche Sekunden lang gar nichts. Bis sich die Szene in aufkommenden Jubel aus dem Publikum und ein leichtes Lachen bei Ahzumjot auflöst. Die Szene zeigt typisch, wie nahbar dieser Abend zwischen KĂŒnstler und Publikum ist. Jegliche Zwischenrufe oder Zwischenfragen erreichen Ahzumjot und er geht auf sie ein, als ob es zu seinem BĂŒhnenprogramm gehören. Mal gibt es als Folge eine große Flut an Wasserflaschen, die Ahzumjot ins Publikum schmeißt, nicht ohne die einzelnen Personen vorher noch anzusprechen und ihnen zu sagen, dass gleich eine Flache gefangen werden muss. Ein anderes Mal hĂ€ngt er quer im GerĂŒst der PA und beschwichtigt einen Fan, dass jetzt noch nicht Schluss sei und er noch nicht gehen wĂŒrde.

Dazwischen spielen sich immer wieder Szenen ab, in denen man Ahzumjot die Aufrichtigkeit anmerkt, mit der er sich beim Publikum fĂŒr das Erscheinen und den Einsatz bedankt. Hier merkt ein Rapper, dass seine Musik bei gar nicht so wenigen Leute sehr gut ankommt und verdammt viel Spaß bringt – und das freut ihn. So entsteht im halbleeren Conne Island eine richtig harmonische Bindung zwischen Ahzumjot und dem Publikum.

Der geilste Live-Song?

Ist „Luft und Liebe“. Der Tieltrack der gleichnamigen EP zĂ€hlt zwar nicht zu den Veröffentlichungen der Raum-Playlist, fasst aber sehr treffend die AttitĂŒde zusammen, mit der Ahzumjot auch an das Projekt „Raum“ gegangen ist. Das Freimachen von den falschen ZwĂ€ngen, die zum Aufstieg fĂŒhren können, wird angeprangert, wĂ€hrend Ahzumjot den Weg vormacht, der auf eigenen Ideen fußt, ohne störende Einflussnahme von Außen zu beachten. Dazu bekrĂ€ftigt das Publikum einstimmig, dass man sehr wohl von Luft und Liebe leben kann. „Ich kann’s, ich kann’s, ich kann’s.“ Mehrfach und ohne dumme Zwischenrufe, einfach full Support.

Fazit

Ahzumjot hat bewiesen, dass es keine Massen braucht, um eine Location abzubrennen. Man braucht keine fetten Showeffekte, keine Image zum Aufrechterhalten, sondern einen ehrlichen und motivierten Auftritt. Dazu ist mit BLVTH auch der Support-Act mehr als zu empfehlen. Mir tut es nur Leid fĂŒr alle Leipziger, die die sich an diesem Freitag dafĂŒr entschieden haben, nicht ins Conne zu kommen. Denn die haben richtig was verpasst.

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