Kollektives Schwitzen | Zugezogen Maskulin live im Festsaal Kreuzberg

Kollektives Schwitzen | Zugezogen Maskulin live im Festsaal Kreuzberg

Um wen geht’s?

Zugezogen Maskulin sind ein Rap-Duo, bestehend aus Grim104 und Testo. Die beiden kommen aus dem Norden Deutschlands und haben sich kennengelernt, als sie beide bei rap.de gearbeitet haben. Irgendwann haben sie dann angefangen zusammen Musik zu machen. Ihre beiden größeren Alben „Alles brennt“ und „Alle gegen Alle“ sollten bekannt sein. Davor waren ihre Texte an etlichen Stellen weniger gesellschaftkritisch, dafür noch ein bisschen jugendlicher und generell spaßiger ausgerichtet. ‚Kauft nicht bei Zugezogenen‘ und die ‚Zugezogen Maskulin EP‘ kamen beide 2011 raus und haben auf jeden Fall einige Klassiker hervorgebracht. Beispielsweise „Wir Sind Wichtig“ mit einem Beat von „4 Minutes“ von Madonna und Justin Timberlake (HIT) oder auch „Olli + Anis“, ein kunstvolles Fantasiespiel mit Auszügen aus Bushidos Biographie. Ebenfalls legendär ist das „Nikel Pallat Intro“ und auch „Entartete Kunst“ sollte man sich anhören, falls man das noch nicht getan hat. Beide Veröffentlichungen finden sich irgendwo in den Tiefen des Internets als Free-Download.

Worauf muss man sich gefasst machen?

Auf zwei aggressive Typen. Besonders Grims Mienenspiel ist berüchtigt und kann einem schon mal Angst einjagen. Zitat meines Begleiters Schobi auf dem Fußweg zum Konzert: „Ich will eigentlich gar nicht zu nah ran an die Bühne. Ich habe Angst, dass Grim mich dann auffrisst.“ Der andere Dude heißt Testo, kann man sich ja denken wie der drauf ist.

Logischerweise färbt das Verhalten auf der Bühne auch aufs Publikum ab, das dementsprechend aggressivund geladen zu erwarten ist. Aber wer ein ZM-Konzert wirklich genießen will, muss auch in den Pogo, um sich von schwitzenden Fremden Punchlines ins Gesicht brüllen zu lassen, während man selbst mit Ellenbogen auf derselben Höhe arbeitet. Ist sonst nur ein halbes Erlebnis. Ich bevorzuge bei solchen Performances Hosen mit Reissverschlusstaschen, also normalerweise Jogginhosen, damit der Hausschlüssel auch nach dem Gig noch da ist.

Was für Leute gehen auf ein ZM-Konzert?

Berliner Hipster – weil sie auf den latenten Hass gegen sich stehen

Zugezogene – wie ich bspw.

Maskuline – die sehr hart pogen

Feminine – die auch sehr hart pogen

Und in der Regel auch Menschen, die die Texte vorher schon einmal gehört haben und die gut finden. Also keine CDU-Wähler.

Was geht beim Konzert?

Support…

kommt von Blond. Die kommen aus Tschemenitz und bestehen aus Lotta und Nina Kummer (Schwestern von Kraftklubs Felix und Till) und dem fonky Johann Bonitz. Blond machen Indie-Rock und haben es als Vorband einer Rap-Gruppe jetzt nicht wirklich leicht. Dem wirken sie allerdings entgegen, indem sie mal eben einige HipHop-Classics zwischen Wu-Tang und Eminem einbauen. Dazu gibt es dann noch Tanzeinlagen der Schwestern, während Johann sich durch verschiedene Instrumente spielt, was er übrigens blind macht. Ziemlich beeindruckend.

Die Konzertbesucher gehen dann so richtig ab, als „Mamma Mia“ gespielt wird, was ich bedenklich finde. Aber muss jeder selber wissen. Ihren Smash-Hit „Fat“ spielen Blond leider nicht, aber das kann auch daran liegen, dass im Verlauf des Abends noch ein Fatshamer im Publikum gefunden wird, den man natürlich nicht bestärken sollte. Insgesamt schlagen sich Blond richtig gut, da sollte man weiter ein Auge drauf haben. Und außerdem darauf hoffen, dass es in Zukunft noch mehr Songs mit deutschem Text gibt, denn der erste ist ziemlich fantastisch geworden.

Zugezogen Maskulin

Für die Bühne brauchen ZM nicht viel. DJ-Pult und Mikros. Weil das aktuelle Album „Alle gegen Alle“ auch schon ein passendes Intro bietet, muss man gar nicht lange zu raten, mit welchem Track das Konzert eröffnet wird. Dieses Intro bedeutet auch, dass man ungefähr 1:15 min Zeit hat, um sich nochmal schnell zu dehnen oder das Bier auszutrinken. Danach gibt es dann Ellenbogen.

ZM spielen das Gegenteil von einem Konzert, bei dem man am Ende sagt: „War schon ganz gut. Die haben halt ihre Show runtergespielt.“ Testo und Grim haben sich nämlich Gedanken gemacht, wie man die Pausen zwischen den Songs nutzen kann. Zum Beispiel für Ironie. Auch wenn das bei einem Auftritt schon mal schwierig werden kann, wenn 1000 Leute vor dir stehen und deine Musik hören wollen. Das Ganze kommt ungefähr so rüber, wie die gesamte Botschaft von „Alle gegen Alle“: Aus berechtigten Gründen kommt Kritik an verschiedenen Dingen, ohne zu behaupten, dass man selbst der perfekte Mensch ist.

Beispiel: Bewusste, gesunde Ernährung, die so oft es geht zur Schau gestellt wird. Natürlich ist gesunde Ernährung nichts schlimmes per se, aber es gibt eben auch genug Menschen in  Deutschland, die sich einen derartigen Lifestyle nicht leisten können und damit keine Likes auf Insta sammeln. So ähnlich funktioniert es dann auch auf der Bühne. Von dort wird zwischen zwei Tracks ein (fiktiver) Fatshamer ausgemacht, den man doch bitte ausbuhen solle, weil so etwas gar nicht gehe. Was stimmt und was ZM auch klar machen: Diskriminierung von anderen Menschen, zB aufgrund des Aussehens, geht halt gar nicht. Das macht es aber nicht besser, wenn Bands sich in den Social Media über Konzertmitschnitte profilieren, in denen sie beispielsweise Arschgrapscher im Publikum anprangern. Was an sich ja richtig ist. Allerdings nicht um sein Image zu polieren, sondern der Sache wegen. Schon diese Umschreibung der einen Ansage klingt unglaublich kompliziert, aber auch das ist irgendwie Teil des ZM-Programms: Die Inhalte nicht so leicht zu machen. Der Fatshamer wird dann übrigens mit vielen entblößten Gucci-Bäuchen vertrieben. Mission complete!

Ganz generell liegt die Stärke von Grim und Testo darin, dass sie ihre Parts mit Inbrunst vortragen, teilweise passt auch die Zusammenstellung der Songs einfach sehr gut. So wird der Beginner-Song „Füchse“ gecovert, Grim weist schon vor dem Track darauf hin, dass die Coverversion zusammen mit LGoony heute ja eigentlich relevanter sei, als das Original und zwei Tracks später folgt dann auch schon „Vatermörder“. Dort wird der „Kriegsheld Hamburg“ nochmal aufgegriffen, genauso wie der Aufstieg von Royal Bunker, expliziter Prinz Pi, und dessen Wandel zum kommerziellen Rapper. Dabei leuchtet rotes Licht von unten Grims Gesicht an, während ihm die schweißgetränkten Haarsträhnen ins Gesicht fallen und er seine eigene Zukunft als der neue Vorreiter im Deutschrap voraussagt. Das kommt sehr gut rüber.

Das aktuelle Album „Alle gegen Alle“ ist übrigens bei ‚Four Music‘ erschienen ist, die zB auch Marc Forster und Joris unter Vertrag haben. Da bleibt einem das Lachen über die Mainstreamisierung im Deutschrap doch unangenehm kratzend im Hals stecken.

Aber zurück zu den schönen Dingen. Zugezogen Maskulin haben sich dafür entschieden, ein Video beim Konzert zu drehen – und zwar für den Song „Steffi Graf“. Im Publikum kamen dafür etliche GoPros zum Einsatz, das Ergebnis gibt es mittlerweile schon zu sehen.

Musikalisch kann vor allem Kenji451 überzeugen, der neben der DJ-Funktion auch noch mit der Geige unterwegs ist und gerade den harten Beats einen neuen Anstrich und Kontrast bieten kann. Props dafür, auch seine Beats sind tauglich, die solltet ihr mal checken.

Der geilste Live-Song?

Ist Yeezy Christ Superstar. Auch wenn ich ewig gebraucht habe, um die Ansage einem Song zuzuordnen. Grim erzählt nämlich erstmal von seiner Jugend und von einer Geschichte, die ihm sein Vater vorgetragen hat. Und diese Geschichte handelt von einem weisen Mann, der vor vielen Jahren wacke Schuhträger aus dem Tempel gejagt hat und schließlich gekreuzigt wurde, weil er für seine extravaganten Sneaker einstand.  Das wird natürlich noch viel ausführlicher und anschaulicher vorgetragen und leitet den Song ziemlich ansprechend ein. Der Instrumental-Part am Ende kriegt dann alle Leute nochmal zum Ausrasten, was schön aussieht und Spaß beim mitmachen bringt. Geil!

Fazit

Vielleicht spielen ZM nie wieder „Entartete Kunst“ live. Das ist blöd, aber da kann man auch nichts machen. Uns solange die beiden ihren Erfolg wenigstens noch selbst ironisieren und die Texte politisch eklig bleiben, ist diese Entwicklung auch halb so schlimm. Auf die Konzerte sollte man auch weiterhin gehen, denn: Die Fans bleiben aggressiv.

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