Der Untergrund überlebt nur, wenn er aktiv ist

Der Untergrund überlebt nur, wenn er aktiv ist

Dieser Text behandelt zum ersten Mal auf diesem Blog einen größeren Themenkomplex: Die Untergrundkultur. Genauer gesagt: Ihren Status in der aktuellen Musiklandschaft Deutschlands, die in den letzten Jahren viele Veränderungen erfahren hat. Deutschrap versinkt in einer Plastikwelt aus Spotify-Playlisten, Chart-Rekorden und Inhaltslosigkeit. Dabei scheint einiges von dem verloren zu gehen, was die HipHop-Kultur eigentlich auszeichnet. Deshalb sollte sich jede*r selbst fragen, was man dagegen tun kann. Insofern ist dieser Text eine Bestandsaufnahme, auch wenn viele der besprochenen Praktiken schon lange im Selbstverständnis der Rap-Untergrundkultur verankert sind. Inspirierend für diesen Text waren die Gedanken von zwei Personen, die viel über das Musikbusiness wissen, deren Haltungen und aber kaum unterschiedlicher sein könnten. Der eine arbeitet in führender Position für einen großen Musikverlag, der andere ist Rapper und verteidigt den Untergrund gegen die Whackness.

Die Meinung zu aktuellen Veränderungen in der Musikbranche von Insidern zu hören ist oftmals interessant. Immerhin befinden sich diese Akteure viel seltener vor der Kamera oder in Interviewsituationen als Künstler*innen und haben meist eine andere Perspektive auf viele Vorgänge. Im aktuellen Fall war die Perspektive des Insiders sogar so anders, dass sie fast schon erschreckend ehrlich war. Es ist nicht so, dass ich naiv gegenüber Vertreter*innen der Musikindustrie bin und dann überrascht werde, wenn sie anfangen über Geld anstatt über kreative Inhalte zu reden. Trotzdem hat es die Sicht dieses Verlegers geschafft, mich zum Nachdenken zu bringen. Und das lag hauptsächlich am Thema Streamingdienste.

Es zählt die Wirtschaftlichkeit

Grundsätzlich kann man sagen, dass Verlage mit Streamingdiensten, wie beispielsweise Spotify, dem Streamingdienst mit den meisten zahlenden Abonnenten, um Einnahmen kämpfen. Beziehungsweise darum, dass Spotify die Werke von Künstler*innen, die vom Verlag vertreten werden, prominent platziert. Streamingdienste stellen natürlich auch für etablierte Kräfte der Musikindustrie, heißt Labels und Verlage, eine weitreichende Veränderung dar und die muss kalkuliert werden können. Das ist allerdings nicht so einfach, Spotify hat selbstverständlich wenig Interesse daran, dass die Algorithmen des Unternehmens ausgetrickst werden können und feilt stetig daran, diese zu verbessern. Das gelingt dem Konzern auch, der seit seinem Start im Jahr 2008 eine ziemliche Veränderung durchgemacht hat und mittlerweile von einer Kulturpattform zum Kulturproduzenten geworden ist. Die Verbesserungen von Algorithmen erkennt auch der Verleger an, der aber zugibt, dass manche Mechanismen zumindest vor einiger Zeit noch ausgenutzt werden konnten. Und das könnte beispielsweise so aussehen:

Ein Verlag erkennt, wann Spotify Songs in eine Playlist packt. Gerade im Deutschrap sind Playlisten aktuell das große Ding, um einzelne Singles rotieren zu lassen. Ein Verlag, der Rechte an einem Song von eher unbekannten Künstler*innen hält und davon ausgeht, dass dieser Song durchaus das Potential zu einem Hit hat, kauft dann zum Beispiel Werbeanzeigen bei Facebook. Natürlich zielgruppengerecht und darauf zugeschnitten, dass der Song über den Zeitraum von vielleicht zehn bis zwölf Tagen nach und nach mehr Klicks auf Spotify sammelt. Das bemerkt irgendwann auch Spotify und platziert den Track möglicherweise in einer Playlist. Das ist dann vielleicht noch nicht die beliebteste Playlist des Genres, aber eine, die trotzdem regelmäßig von Fans gehört wird. Dadurch wird der Song noch einmal häufiger gespielt, was die Relevanz des Künstlers/der Künstlerin erhöht und dafür sorgen kann, dass die nächste Single vielleicht schon in der New Music Friday-Liste zu finden ist.

Das Beispiel ist bewusst unkonkret gehalten, denn es könnte in fast jedem beliebigen Genre stattfinden. Und das Prinzip ist simpel: Eine Geldinvestition wird getätigt, um später deutlich mehr Geld einzunehmen. Klar ist der beschriebene Vorgang vereinfacht dargestellt, denn nur weil man Werbung für einen Song schaltet, heißt das noch nicht, dass diese Werbung auch zu populärer Platzierung in einem Streamingdienst führt. Aber das Beispiel zeigt, wie beispielweise Verlage die Veränderungen der Branche für sich nutzen wollen. Wie schon gesagt, war der Verleger da ehrlich und ohne Scham. Ein zentraler Aspekt wird dabei deutlich: Der Industrie und Spotify sind konkrete künstlerische Inhalte egal. Ihnen geht es nur um die Wirtschaftlichkeit der Produkte. Das ist kein großes Geheimnis und man muss diese Vorgehensweise nicht zwangsläufig schlecht finden. Auch wirtschaftlich erfolgreiche Musik kann künstlerisch absolut qualitativen Ansprüchen genügen. Man sollte sich nur bewusst sein, dass dies in der Betrachtung jener Menschen, die bei großen Playern in der Industrie arbeiten, niemals die Voraussetzung ist. Ein Hit lässt sich bekannterweise auch ohne Kreativität erreichen, indem man sich einfach an den aktuellsten Trend hängt und ihn adaptiert. Und den beteiligten Unternehmen ist es im Endeffekt egal, aus welcher Motivation heraus ein Song entstanden ist, solange er Geld bringt.

Streaming ist bequem, aber

Ein Problem in diesem Konstrukt ist sicherlich auch die Passivität der Nutzer*innen von Streamingdiensten. Und das sind wir fast alle. Passivität war noch nie so angenehm wie heutzutage. Früher hätte man sich vielleicht noch einen nischigen Radiosender suchen müssen, um seiner individuellen Vorstellung von guter Musik näher zu kommen, ohne aktiv Musik kaufen zu müssen. Heute kriegt man jede Woche einen eigenen Musikmix von 30 Titeln angeboten, dauerhaft verfügbar. Es braucht keine Gatekeeper mehr, die in Form von journalistischen Einordnungen bestimmte musikalische Produkte empfehlen oder schlecht bewerten. Algorithmen wissen viel mehr über die individuelle Person und können dafür sorgen, dass die richtige Musik in der richtigen Situation zur Verfügung steht. Algorithmen analysieren eure Stimmungen, Tagesabläufe und Gewohnheiten im Hören von Musik und nutzen dieses Wissen, um euch noch mehr Musik hören zu lassen, die sich scheinbar perfekt an eure Vorlieben anpasst. Und Spotify verkauft eure Daten weiter. Der Konzern will euch nicht die beste Plattform anbieten, auf der ihr euren eigenen Musikgeschmack organisieren und hören könnt – sie wollen euren Konsum von Musik steuern. Wer lesen möchte, wie sich Wissenschaftler diesem Problem kritisch angenommen haben, der sollte sich das Buch „Spotify Teardown“ kaufen. Hier findet ihr eine Rezension, die einen guten Vorgeschmack auf die Inhalte gibt.

Für die Nutzer*innen bleibt dieses Modell trotz aller Probleme bequem und kostet eben, falls man kein Premium-Abo hat, nur Zeit für nervige Werbeanzeigen und eben die Daten, deren Verlust man aber kaum direkt spürt. Diese Bequemlichkeit führt zu einem Zustand der Berieselung, in der die Musik, die wir konsummieren, zwangsläufig immer durchhörbarer wird. Damit ist nicht gemeint, dass sich nur Einheitsbrei durchsetzt, so simpel funktionieren Algorithmen nicht. Aber die Automatisierungen lassen Künstler*innen außen vor, die ihre Musik ausschließlich für die Sache machen – für die Kultur.

Diese Künstler*innen bewahren sich ihre Unabhängigkeit, indem sie sich bewusst nicht in eine wirtschaftlich nutzbare Durchhörbarkeit begeben, bewahren sich ihre Kreativität, wenn sie Inhalte nur dadurch bestimmen lassen, was sie selbst umsetzen wollen, und sie geben der Kultur damit Diversität. Der Rapuntergrund stellt eine Kultur dar, die diese Werte explizit für sich beansprucht.

Untergrundviral

Einige Kernpunkte dieses Selbstverständnisses wurden neulich vom Rapper DoZ9 in einem Posting auf Facebook zusammengefasst. Der Post entstand im Rahmen der Promo zum kommenden Album „Maestro Antipop“ des Duos „T9“. DoZ schreibt für jeden Song des Albums einen eigenen Log und erklärt beispielsweise Entstehungsumstände oder die Intention des Tracks. Der Inhalt wird hier kurz zusammengefasst, ich empfehle aber allen, Log #11 komplett zu lesen.

Das angesprochene Posting bezieht sich auf den Song „Lobi“ und kritisiert beispielsweise fehlenden medialen Support für Untergrundrapper*innen. DoZ erklärt auch, warum ein Format, das sich nur mit solchen Untergrundkünstler*innen beschäftigen würde, wahrscheinlich nicht funktionieren würde, da Wirtschaftlichkeit in der Regel damit verbunden ist, dass eine breite Masse angesprochen wird. Ein Kompromiss, den gewisse Leute bewusst nicht eingehen wollen. DoZ erkennt zwar an, dass es durchaus wirtschaftlichen Erfolg im Einklang mit künstlerischer Integrität gibt, „aber wenn du zweiteres wählst, ist Geld nie die Hauptmotivation gewesen.“ Dieses Statement hat ganz offensichtlich vielen Leuten aus der Seele gesprochen und ging untergrundviral. Die Facebookseite des Rappers hat ca. 3700 Likes, mittlerweile wurde der Post 59 mal geteilt und das immerhin auf Facebook, dem eigentlich so toten Sozialen Medium. Nur um es deutlich zu sagen: Es geht hier nicht um ein süßes Tiervideo oder anderen leicht zu konsumierenden Content, der mal nebenher geteilt wurde. Das Statement ist lang, bitterernst geschrieben und kritisch.

DoZ hat es mit seinem Worten geschafft, viele Menschen daran zu erinnern, warum sie eigentlich Fans von sperrigen Acts wie „T9“ sind. Und mich daran, dass ich nicht möchte, dass Deutschraps Zukunft, und auch nicht die von anderen musikalischen Genres, komplett durch Konzerne wie Spotify gestaltet wird.

Der Appell an die Community

Musikhörer*innen sollte daran gelegen sein, Diversität in der Szene zu erhalten. Deshalb ist das hier ein Appell an alle Leute, die das genau so sehen. Werdet selbst aktiv und ermöglicht eine kreative und möglichst unabhängige HipHop-Kultur. Lasst euer Geld in der Community und entscheidet selbstbestimmt, welche Artists ihr unterstützt. Kauft euch deren Vinyls, die meist liebevoller gestaltet sind, als jedes andere musikalische Medium. Kauft euch Tapes und fühlt euch wie in Memphis, wenn ihr mit eurer alten Schrottkiste durch dir Hood fahrt und die Anlage voll aufdreht. Holt euch Merch und repräsentiert die Kultur mit Klamotten, die meist nicht teuer und garantiert individueller gestaltet sind, als jedes Kleidungsstück, das ihr im Einkaufszentrum eurer Stadt bekommt. Schaut in eurer Gegend, ob es dope Crews oder einzelne Künstler*innen gibt, slidet in deren DMs und handelt einen fairen Deal für einen Haufen Sticker aus, die ihr dann wieder im Barrio verteilen könnt. Supportet!

Und ja, dafür hat nicht jede Person Geld. Trotzdem kann eine aktive Teilhabe möglich sein. Spart euch das Spotify-Abo und besucht ab und zu lieber ein Konzert von kleinen Künstler*innen. Für 15 Euro gibt es eine Menge starker Acts zu sehen und Konzerte sind ein Ort von aktiver Kulturteilhabe, mit der ihr außerdem jene Leute unterstützt, die die Gigs organisieren. Connected euch dort, tauscht euch aus und bildet eine aktive Community.

Support
instagramzitatreife Worte, geklaut von einem Post der Band Idles, die zwar nicht aus dem HipHop stammt, deren Mitglieder aber Experten sind, wenn es um darum geht, mit Musik Gemeinschaft zu schaffen

Im Gegensatz zu automatisierten Vorgängen sollten euch konkrete Inhalte nicht egal sein. Selektiert bewusst und sorgt dafür, dass die Untergrundkultur tatsächlich divers ist und sich verbessert. Denn die soll hier nicht romantisiert werden. Der Rapuntergrund ist immer noch von Männern dominiert und duldet in Teilen Sexismus, Homophobie, Transfeindlichkeit und andere Formen von Diskriminierungen. Also gebt euer Geld zum Beispiel Frauen und Migrant*innen und sorgt dafür, dass sie mit ihrer Musik weitermachen können und eine tatsächlich diverse Szene entsteht.

Dieser Weg ist der unbequeme Weg. Er kostet Arbeit in der aktiven Selektion, er kostet Geld. Aber dieser Weg ermöglicht eine Kultur um der Kultur willen. Zu dieser Kultur gehört übrigens auch ein Journalismus, der unabhängig ist. Also kauft euch Magazine und sorgt dafür, dass Fachleute die Möglichkeit haben, frei zu arbeiten. Denn die Leute, die das professionell machen, haben die Zeit zum selektieren und können Sachen empfehlen, die sonst vielleicht an euch vorbeigegangen wären. Sie sollten das machen können, ohne aus finanziellen Gründen zu Kompromissen gezwungen zu werden. Denn ohne diese Kompromisse würden sie vielleicht auch wieder mit mehr Hingabe über den Untergrund berichten. Und wenn euch die ewiggleichen Promointerviews im Videoformat nerven, dann zeigt das eben, indem ihr euch Comics kauft, die genau diese Peinlichkeiten auseinandernehmen.

In diesem Appell geht es nicht darum, die großen Player als böse darzustellen und zu boykottieren oder ähnliches. Es geht nicht darum, die Untergrundszene größer oder reicher zu machen und sie gegen Streamingdienste auszuspielen. Aber diejenigen, die ein Interesse an einer diversen und unabhängigen HipHop-Kultur haben, sollten sich bewusst machen, wo die Interessen der Akteure im Rapgame liegen. Macht euch bewusst, wem ihr das Feld nicht überlassen wollt und wo ihr selbst die Möglichkeit habt, für bessere Verhältnisse zu sorgen. Es klingt pathetisch, aber es ist wichtig. Ihr tut es für die Kultur.

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