Mehr Cancel Culture wagen

Mehr Cancel Culture wagen

Das Problem heißt immer noch Sexismus, du weißt.

Anfang August bin ich wütend und enttäuscht ins Wochenende gestartet. Der Grund war die neueste Single von Rapper Trettmann, der im September sein neues Album veröffentlicht, komplett produziert von KitschKrieg. Die Single heißt „Du weißt“ und featured den Hamburger Rapper Gzuz.

Die Situation

Wenn man im Deutschrapjahr 2019 bisher nach Höhepunkten abseits der Musik sucht, so stößt man zwangsläufig auf die Sexismus-Debatte, die insbesondere im Mai intensiv geführt wurde. Natürlich ist dabei nicht der Sexismus der Höhepunkt, sondern der entstandene Eindruck, dass zum ersten Mal eine breite Debatte in mehreren Medien innerhalb und außerhalb der Szene über dieses Problem geführt wurde. Es wurde ernsthaft diskutiert, es wurden eigene Fehler eingestanden und der generelle Konsens mehrerer Beiträge schien zu vermitteln, dass man sexistische Texte und Verhaltensweisen in Zukunft nicht mehr durchwinken würde. Gzuz‘ Verhalten stand bei dieser Debatte exemplarisch im Mittelpunkt der Diskussionen. Eine Entschuldigung oder Erklärung des Rappers gab es nicht.

Drei Monate später veröffentlicht mit Trettmann einer der Lieblingsrapper von Fans und Musikkritiker*innen eine Single mit Gzuz und es scheint kaum jemanden zu kümmern. Dabei sollte die Szene an ihrer Cancel Culture arbeiten, wenn sie Kritik glaubhaft vermitteln will. Denn große Rapmedien haben offensichtlich wenig Interesse an einer Kritik der erneuten Zusammenarbeit von Trettmann und KitschKrieg mit Gzuz. Auf rap.de wird die Single nicht besprochen, hiphop.de benennt die Vorwürfe gegen Gzuz mit keinem Wort, in der Zusammenstellung von aktuellen Singles schreibt die JUICE zum Song: „Wie notwendig es ist, sich derzeit zu einem Künstler wie Gzuz zu bekennen, muss dabei jeder selbst entscheiden.“

Warum so zurückhaltend?

Anders gesagt: Es ist diesen Medien schlichtweg egal. Kritische Worte zur Kollaboration findet man beispielsweise beim österreichischen Magazin The Message, das in Sachen Reichweite jedoch nicht mit den vorigen Medien mithalten kann. Wer einen Blick zu YouTube und Instagram wirft, sieht, dass sich die allermeisten Fans dazu entschieden haben, die neue Single abzufeiern. Trettmann und KitschKrieg haben den Song selbstverständlich so promotet, als wäre in den letzten Monaten nichts passiert. Wo wenig Kritik geäußert wird, existiert logischerweise auch wenig Not, sich zu rechtfertigen. Wo bleiben also die kritischen Stimmen, die im Mai noch rege an der Diskussion beteiligt waren?

Nur zur Erinnerung: Bei den Music Journalism Awards des Reeperbahn Festivals ist in der Kategorie „Beste musikjournalistische Arbeit unter 30 Jahren“ ein Text von Johann Voigt mit dem Titel „Wer Gzuz‘ Realness feiert, darf bei seiner Frauenfeindlichkeit nicht weghören“ nominiert. Erschienen ist er bei VICE, abrufbar ist er allerdings nicht mehr. Auf der Seite des Reeperbahn Festivals heißt es, dass der Herausgeber den Text aus rechtlichen Bedenken zurückgezogen hat. In der Diskussion im Mai wurde bereits deutlich, dass etliche Medien mit Anwaltsschreiben zu kämpfen hatten, die eine kritische Berichterstattung verhindern wollten.

Wenn jetzt wenig später Musikjournalist*innen nicht einmal deutlich Position beziehen, normalisieren sie solche Vorgänge, die auch die Arbeit von Kolleg*innen betreffen. Sie normalisieren aber vor allem, dass Rapper nicht mit ernsthaften Konsequenzen innerhalb der Szene rechnen müssen. In der Diskussion der letzten Monate wurde oft ein Umdenken von Labels und Bookingagenturen gefordert. Aber warum sollten sie umdenken und eine wirtschaftlich erfolgreiche Strategie aufgeben, wenn nicht einmal unabhängige Stellen sie kritisieren?

Deswegen braucht Deutschrap eine stärkere Cancel Culture. Trettmann und KitschKrieg haben in der Vergangenheit sehr gute Songs veröffentlicht und auch ein kommender Titel wie „Stolpersteine“, der bereits auf Festivals gespielt wurde, gehört dazu. Diese Songs möchte ich mir auch in Zukunft anhören und sicher niemandem vorschreiben, dass er/*/sie aufhören soll Trettmanns und KitschKriegs Musik zu konsumieren. Aber manche Handlungen sind nicht debattierbar. Dazu gehört, dass man sich nach einer ernsthaften Diskussion über Sexismus Gzuz als Feature für einen Song holt. Deswegen sollten Fans, denen an der ernstgemeinten Aushandlung dieses Themas etwas liegt, den Song nicht hören und dies auch kommunizieren. Rapmedien sollten die Zusammenarbeit kritischer einordnen. Stattdessen sorgen sie dafür, dass weder die Diskussion über Sexismus noch die Konsequenzen für Rapper nachhaltig bleiben.

Selber machen

Manche Schritte kann man übrigens selber gehen. Ich verbinde mit Trettmann und KitschKrieg viele tolle Momente, besonders die intimen Konzerte vor ein paar Jahren gehören dazu. Vor ungefähr zweieineinhalb Jahren habe ich mir einen KitschKrieg-Sweater geholt. Wenn Leute damals den Schriftzug erkannt haben, wollten sie über Haiyti, Joey Bargeld und eben Trettmann reden. Heute müsste ich vor mir selbst rechtfertigen, warum ich das Logo eines Teams auf der Brust trage, das auch nach Bekanntwerden ernsthafter Vorwürfe mit einem sexistischen Rapper zusammenarbeitet. Also tut man etwas dagegen.

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