Eine laue Sommernacht in Wien | Aspirin von Melik

Eine laue Sommernacht in Wien | Aspirin von Melik

Warum Melik mit Aspirin?

Melik bringt endlich mal wieder Rap aus Österreich in den Blog. Zugegebernermaßen hatte ich den Rapper, der sonst auch am produzieren ist, noch überhaupt nicht auf dem Schrim, obwohl es schon vor über einem Jahr erste Singles gab, die auch durchaus prominent verbreitet wurden. Aber eigentlich auch egal, solange man das Debütalbum, das bei Hector Macello erschienen ist, pünktlich auf dem Schirm hat.

Wie klingt der Sound von Aspirin?

Mit dem Intro zieht Melik die HörerInnen direkt in die Welt des Wiener Nachtlebens herein. Langsam wabernde Synthies eröffnen den Track, ein paar Drums -Sounds kommen dazu und machen den Titel in Zusammenspiel mit dem Bass trappy, lassen ihn allerdings minimalistisch gestaltet. Das Intro gibt schon recht genau vor, in welche Richtung sich das Album musikalisch und auch atmosphärisch entwickelt. Melik, der mit Ausnahme von „Simple“ alle Beats selber zu verantworten hat, setzt auf Trap, der sich so gut wie nie überlädt, sondern immer mit einzelnen Elementen spielt und diese gezielt einsetzt. Die Musik drängt selten in den Vordergrund und wenn man ihr ohne die Textebene ein Label verpassen müsste, würde man sie definitv einer düster-nächtlichen Stimmung zuordnen. Der Titeltrack „Aspirin“ macht da keine Ausnahme, lässt zwischendurch den Beat rollen, fährt ihn runter, fährt ihn für die Hook wieder hoch und beendet den Track vor allem recht fix.

Denn neben der Variation der Dynamik der Beats, zieht sich auch deren Kürze durch den größten Teil des Albums. Naturgemäß ist sind die Songs mit Featureparts länger geworden, ansonsten findet sich nur ein Titel mit einer Laufzeit von mehr als drei Minuten auf dem Album. Das ist auch so gewollt, da Melik nicht auf ewige laufende Loops steht, wie er im Interview mit The Message erklärt hat. Das macht das Album zwar recht kurzlebig, allerdings auch gut als Ganzes durchhörbar. „Simple“, von STSK produziert, fügt sich gut in die Mitte des Albums ein, setzt mit kürzeren Synths auf mehr Rhythmik, weniger Getragenheit und kommt damit ein wenig leichter daher.

„Schäm dich“ knnüpft direkt daran an und besteht quasi nur aus Rhythmus. Diese Beschreibung klingt zwar ziemlich unprofessionell, aber wenn ihr den Track hört, wisst ihr was ich meine. Mit einem klopfenden Bass und nur den allernötigsten Elementen aus dem Drumkit wird ein Beat kreiert, der an Minimalismus kaum zu überbieten ist. Solche Ausnahmen tun dem Album gut, eintönige Langeweile kommt nicht auf. Das liegt auch noch an „Aha“, der von den lockeren Tracks zuvor in eine bedrohliche Bassline umschwingt. Dunkel und leicht verzerrt könnte sie im Zusammenspiel mit den klatschenden Drums so auch unter einem Track von Haftbefehl liegen und bringt eine gute Menge gerade noch zurückgehaltener Agressivität mit. Das Ende des Albums wird dann allerdings wieder von freundlichen Klängen besetzt und vor allem mit Fid Mellas Remix von „30 Grad“ ist absolut dancy produziert.

Was kann der Text?

Die Lyrics und die Produktionen sind auf Aspirin eng verknüpft und kreieren meist eine spezielle Stimmung. Wie schon der Titel des Intros „Nachts in Wien“ verrät, werden hier kurze Impressionen aus dem Nachtleben geliefert, dazu noch ein wenig Representer-Lines gegeben und fertig ist der Einstieg. Melik beschäftigt sich auf dem Album mit Rap, dem Musikbusiness und dessen aktuellem Status, widmet den Großteil seiner Texte allerdings dem eigenen Leben, oft mit hedonistischen Inhalten verschieder Art. Wie schon im musikalischen Teil, gibt es hier wenige Wiederholungen und langwierige Ausuferungen, sondern knackig vorgetragene Inhalte, die oftmals assoziativ aufgebaut sind.

„747“ erzählt von Verliebtheit, ein wenig Drogenkonsum und dem Wunsch nach 30 Grad im Winter, „Simple“ von der Leichtigkeit des Seins und der eigenen Gang an der Seite. Auch „High mit dir“ und „30 Grad“ suchen eine ähnliche Richtung, zelebrieren in insgesamt recht kurzen Parts einen leichten Rausch, Freundschaft, gutes Essen und Liebe. Dabei nutzt Melik nicht einmal immer die ausgefallensten Worte und es kommen auch Sätze wie „Hänge mit den Besten“ vor, die man aktuell wahrscheinlich auf jedem Deutschrapalbum zu hören bekommt. Das stört allerdings nicht weiter, denn hier wird viel mehr ein Gefühl transportiert, als jedes Mal die ausgefeiltesten Lines zu liefern. Besonders „High mit dir“ nutzt Autotune so organisch, dass Text zweitrangig wird und quasi Sound auf Sound gebastelt wird.

Außerdem ist es nicht so, dass es an aussagekräftigen Lyrics fehlt. Auf „Schäm dich“ wird elegant gegen alle Eigenarten geschossen, die Melik bei seinen Mitmenschen beobachtet und die ihn aufregen, mit „Aha“ geht es noch weiter in Richtung Disstrack. Der hat zwar kein bestimmtes Ziel, betrifft aber viele Mechanismen und Strukturen der Rapszene, die man aktuell beobachten kann. Mit einer komplett gefassten und ruhigen Stimme ballert Melik raus, was ihn ankotzt und behält dabei die Smoothness seiner restliche Tracks komplett bei.

Jetzt spucken alle große Töne, doch alles was ich sehe sind Hurensöhne, die Hurensöhne biten für Fame.

Altogether?

Melik schafft mit seiner Mischung aus eigenen Beats und Lyrics ein Debütalbum, das in stilvollem laid back Trap mündet. Die Synths bestimmen einen großen Teil der Grundrichtung und geben dem Album eine gewisse Ruhe und Gelassenheit, die sich so auch im Text wiederfindet. Generell sind Musik und Text sehr eng aneinandergebunden und schaffen durch diese Verbundeheit viel Atmosphäre auf dem Album. Dazu gibt es immer wieder kleinere experimentelle Ausflüge in der Gestaltung der Tracks und durch die kurze Laufzeit der einzelnen Nummern beibt das Album im Fluss. Ein ganz stabiles Debüt von Melik, das besonders dann überzeugt, wenn auf die Details in der Ausarbeitung einzelner Track und deren Variationen achtet.

Der besondere Song?

Ist „Schäm dich“. Er catcht mit seinem absolut simplen Rhythmus sofort und bietet einen fantastischen Gegensatz von Musik- und Textebene. Denn eigentlich will man tanzen, während Melik kurz wegreimt, wofür sich Leute gefälligst zu schämen haben. „Schwarzer Benz – Ratenzahlung. Alles glänzt – im Kopf nur Vakuum.“ Mit Sicherheit der smootheste Hate des Jahres, der alle Fuccbois wieder zurück in die Versenkung treibt.

Was sollte man machen, während man Aspirin hört?

Sich bei 30 Grad im Schatten grillen lassen, aber das Album trotzdem mit großen Headphones hören, denn es lohnt sich. Danach Ohrpolster auswringen.

Note

Sauberes Debüt. 8/10

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