Die Entdeckung neuer Welten | Tranquility Base Hotel & Casino von Arctic Monkeys

Die Entdeckung neuer Welten | Tranquility Base Hotel & Casino von Arctic Monkeys

Warum die Arctic Monkeys mit Tranquility Base Hotel & Casino?

Die Monkeys sind die Rockband schlechthin, die junge Musikfans ab Mitte der Nullerjahre begeistern konnte. Bei ihrem ersten Album „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not“ waren sie in etwas so alt wie ihre Fans, die sie in großer Anzahl gewinnen konnten. Irgendwie ist man dann mit den Arctic Monkeys großgeworden, egal ob man im gleichen Alter war oder immer ein Stück aufschauen musste. Nachdem fünf Jahre kein Album mehr herausgekommen war und dann TBHC angekündigt wurde, das nur mit einem einzigen 40 sekündigen Teaser beworben wurde, baute sich eine Art kleiner Hype auf. Der Teaser ließ viel Raum für Spekulationen und manch ein Fan (ich zB) vermutete schon, dass die Monkeys nun ihr Äquivalent zum meisterhaften …Like Clockwork von Queens Of The Stone Age vorlegen würden. Spoiler: Haben sie nicht. Eine Besprechung ist das Album trotzdem wert.

Wie klingt der Sound von Tranquility Base Hotel & Casino?

Die Gewichtung der Instrumente hat sich auf diesem Album, im Gegensatz zu den vorigen, deutlich verschoben. Aus den ganz frühen, roughen Gitarren wurde auf „AM“ ein perfekt ausproduzierter Electric-Guitar Sound, der jetzt in den Hintergrund tritt und einen deutlich akustischeren Klang hinterlässt. Piano und Bass übernehmen jetzt die wichtigsten Parts. Während das Piano die Tracks hauptsächlich strukturiert, übernimmt der Bass den melodischen Teil mit wirklich guten Kompositionen, die mehr geschmackvoll als rockig sind. Die Gitarren sind natürlich dennoch allgegenwärtig, müssen sich aber oft mit Einschüben begnügen, wie bspw. in „One Point Perspective“ zu hören ist.

Auch die Gitarrensoli ordnen sich meist der Gesamtausrichtung der Tracks unter und treten ungewohnt oft in den Hintergrund, anstatt das Geschehen an sich zu reißen. In „American Sports“ ist das wohl wildeste Solo zu finden, der gut hörbare Teil ist 10 Sekunden lang. Und obwohl diese kurze Zeit ein fast psychedelisches Solo beinhaltet, ist der Teil kaum herauszuhören. Minute 2:06 bis 2:16 sind gut, aber einfach viel zu leise.

Ein absolutes Negativbeispiel des Albums ist „Golden Trunks“. Hier zeigt sich, was passiert, wenn sich auch der Bass in der Melodiegebung zurücknimmt und das Arrangement zur völligen Belanglosigkeit verkommen lässt, gegen die nur Alex Turners Gesang ansteuert.

Passend zur Gesamtausrichtung darf auch Schlagzeuger Matt Helders nicht aus sich herausgehen, womit sich die Monkeys eines weiteren klassischen Elements ihrer Musik berauben. Viele Stücke von TBHC kann er mit nur einem Stick spielen, da viel zu oft die einfachsten Kombinationen von Kick und Snare eingesetzt werden. Auch im besten Song, „Four Out Of Five“, darf er sich nicht wirklich austoben, selbst nicht im aufregendsten Moment der kompletten Platte, der sich dort finden lässt. Mehr dazu steht unten beim besonderen Song.

Insgesamt ist die Musik trotz alledem zu geschmackvoll, um sie wirklich zu haten, Alex‘ Stimme in den hohen Lagen zu bedeutungsschwanger hingehaucht, um sauer zu werden. Manche Einzelheiten sind schlicht zu clever, um dem Album musikalische Visionen abzusprechen. So finden sich in „She Looks Like Fun“ zwei Gitarrensoli, die sich abwechseln und ineinander übergehen, jeweils mit einem unterschiedlichen Effekt zur Verzerrung.  Aber man darf schon angepisst sein, dass es ausschließlich den neuen Stil zu hören gibt und so gar nicht auf alte Stärken zurückgegriffen wird.

Was kann der Text?

Der Albumtitel macht den außerirdischen Bezug, der sich durch die Songtexte zieht, bereits klar. Die Tranquility Base ist der Landungspunkt der ersten bemannten Mondfähre und somit ein realer Bezugspunkt (wenn man an die Mondlandung glaubt). Das zugehörige Hotel & Casino entspringt Alex Turners Fantasiewelt, in die er einige Abstecher unternimmt. Ein richtiges Konzeptalbum ist TBHC trotz dieses häufigen Bezugs nicht geworden, die futuristische Welt rund um die TB ist allerdings das Leitmotiv.

Im ersten Track „Star Treatment“ wird noch ein wenig auf die Zeit direkt nach der Mondlandung eingegangen und Alex erzählt aus der Perspektive eines alternden Rockstars in den 80er Jahren, der über seine wilden 70er nachdenkt. Anspielungen auf die dystopischen Werke „1984“ und „Blade Runner“ kann man darin auch noch finden, wenn man denn will. Denn die Lyrics sind eher wage, als punktgenau. Eines stellt sich aber trotzdem im Verlauf des Albums heraus: Alex hat sich mit mit Phänomenen der heutigen Gesellschaft befasst und sie in eine düstere Zukunftsvision überführt.

Mit dabei sind Kritik am Führer der freien Welt, ohne Donald Trump namentlich zu benennen, der Begriff „Fake News“, sowie der ständige Gebrauch von sozialen Medien. All diese Elemente führen in der Vision von Alex anscheinend dazu, dass große Teile der Menschheit auf den Mond umgesiedelt werden. Der übrigens Sideboobs hat. Zumindest wenn man den Lyrics glaubt. „So when you gaze at planet earth from outer space, does it wipe that stupid look off of your face?“ fragt Alex dann auch direkt zu Anfang von „American Sports“. Auf dem Mond findet dann so langsam die Umwandlung eines wissenschaftlichen Ortes der Technik in eine lebenswerte Stadtumgebung statt. Es wird ein Taco-Laden auf dem Dach eines Gebäudes gebaut, bekommt gute Bewertungen, die Gentrifizierung läuft.

Wie konnte es so weit kommen? Mit größter Wahrscheinlichkeit ist die Menschheit verdummt und hat sich irgendwann in einen unausweichlichen Krieg gestürzt. Denn der technische Fortschritt und die weitgehenden Möglichkeiten der Nutzung stehen auf dem Album der Abhängigkeit und Rückentwicklung der Nutzer entgegen. Der Titel „She Looks Like Fun“ bezieht sich auf die Oberflächlichkeit des Tinderns und der sozialen Medien generell. Anders ist der Refrain mit den losen Begrifflichkeiten „Good Morning, Cheeseburger, Snowboarding“ auch nicht zu erklären. Alex meinte dazu, dass es einfach ein random runtergescrollter Social Media Feed sein könnte. Das macht Sinn, hört sich trotz dessen sehr merkwürdig an, besonders mit der Ernsthaftigkeit, mit der auch diese Zeilen vorgetragen werden.

Seine tragisch-ironischen Beobachtungen der Menschheit und der möglichen Folgen („Mass panic on a not too distant future colony“, Science Fiction) beendet Alex mit einem Lied über die eigene Einsamkeit, das wenig mit düsteren Zukunftsvisionen zu tun hat, sondern die bedrückende Gegenwart beschreibt. „Ultracheese“ ist mit Sicherheit ein Song, den man auf den frühen Alben nicht hätte finden können, weil er aus dem Status eines Stars entstanden ist, der Alex mittlerweile ist. Die Einsamkeit zeichnet sich durch verlorene Freunde, wenig Kontakt zu Mitmenschen und der Schwierigkeit einen Song über diese Themen zu schreiben aus. Nach „Four Out Of Five“ der beste Titel des Albums und ausnahmsweise durch seinen ruhigen Klänge überzeugend, denn sie passen hier zum Inhalt.

Altogether

Die Arctic Monkeys haben mit „AM“ und dem noch viel teifgehenderen TBHC gezeigt, dass sie ein verdammt breites Spektrum an musikalischen Ideen haben und nicht auf ihrem frühen Sound kleben geblieben sind. Das ist bei Rockbands oft ein Problem und allein deswegen ist eine Weiterentwicklung mit gewagten Schritten wirklich zu begrüßen. Allerdings sind die Songs viel zu harmlos geworden, um mit der Weiterentwicklung auch das sehr gute Niveau zu halten, das die vorigen Alben mitbrachten. Geschamckvoll arrangiert? Ja? Mitreißend? Nein, auf keinen Fall.

Trotz allem wirken die Gedankenspiele, die Alex in seinen Lyrics anstellt äußerst spannend. In den letzten fünf Jahren musste er sich offensichtlich weniger mit sich selbst beschäftigen, sondern hat einen weiteren Gedankenhorizont gesucht und sich eine kleine Fantasiewelt aufgebaut. Sie ist von der digitalen Umwelt, in der er selbst gefangen ist, geprägt und gleitet in eine tragisch-komische Dystopie ab. Viel intersannter kann man ein Album kaum schreiben. Aber will ich ein ganzes Album voller geschmackvoll komponierter und eingespielter Songs von der Band hören, die mich mit „Brianstorm“ in ihren Bann gezogen hat? Nicht wirklich.

Der besondere Song?

Ist „Four Out Of Five“. Immerhin haben die Monkeys sich bei der Wahl ihrer ersten Single auch für den stärksten Track entschieden, der ja schon Teil des kurzen Teasers war. FOF zeigt, wie man die Elemente des neuen Sounds am besten zusammenbringen kann. Das Riff wird von Gitarre und Bass gleichermaßen getragen, ist kraftvoll und wird im Verlauf des Tracks nicht überstrapaziert. Zwar haben die Drums mal wieder wenig zu tun, allerdings klatscht die Snare gut rein und strukturiert die eher schwammigen Parts. Das alles führt zum aufregendsten Part des kompletten Albums, bei dem die Snare im doppelten Tempo durchgeballert wird, ein (immer noch viel zu leise gehaltenes) Gitarrensolo hinzukommt und dem Track damit einmal so etwas wie eine Steigerung verpasst wird, die in einem Break endet. Danach wird das Main-Riff wiederholt und gut ist. Dass auch Alex selbst diesen Moment der Steigerung als den wohl epischsten auf dem Album betrachtet, lässt sich ganz gut in seiner Reaktion bei der Live-Performance in der Jimmy Fallon Show absehen. Insgesamt bleibt der Track trotzdem viel zu sanft, aber die Struktur macht ihn zum mit Abstand besten Werk von Tranquility Base Hotel & Casino.

Tonight Show Performance GIF by The Tonight Show Starring Jimmy Fallon - Find & Share on GIPHY

Was sollte man machen, während man Tranquility Base Hotel & Casino hört?

Abwarten bis es dunkel wird, dann in den Park gehen, Decke ausbreiten, hinlegen und eine Flasche Weißwein austrinken. Dabei stetig den Blick gen Himmel richten und die Sideboobs des Mondes betrachten und sich fragen, wann man dort endlich hinziehen kann.

Note

Der besondere Song gibt die Bewertung eigentlich ganz klar vor. Aber jedes Mal ein sehr gutes Album vorzulegen, ist dann wohl auch für Arctic Monkeys nicht so einfach. 6/10

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