Direkt von der Straße | HAQ von Said & Brenk Sinatra

Direkt von der Straße | HAQ von Said & Brenk Sinatra

Warum Said mit mit HAQ?

Schon im März hatte Brenk Sinatra einen von ihm produzierten Track geteilt, den ich mir gleich mehrfach anhören musste, weil er ziemlich gut war. Said war der Rapper, der mit „Ich weiss“ einen sehr ausgereiften und erwachsenen Track vorgelegt hatte und damit sein neues Album ankündigte. Mit Said hatte ich mich bis dahin eher oberflächlich beschäftigt und kannte ein paar Tracks, aber nach dieser Singleauskopplung und der Ankündigung, dass Brenk Sinatra das komplette Album produzieren würde, war klar, dass hier ein genauerer Blick lohnenswert ist.

Wie klingt der Sound von HAQ?

Womit wir auch schon beim Part von Brenk Sinatra wären: Den Beats. Das komplette Album ist Boom Bap, ohne sich allerdings neueren Styles komplett zu verschließen und dabei retarded zu klingen. Wenn man die Solo-Platten von Brenk kennt, weiß man eh schon, dass er Instrumentals baut, die man im Volksmund als „Brett“ bezeichnet. Die Kick ist meist sehr dumpf, während die Snare schön hell reinklatscht. Dazu kommen ein tragender, dicker Bass und ein paar flächige Sounds, so dass ein sehr voller und satter Klang entsteht. Das Ganze ist auf HAQ sehr natürlich klingend gehalten und immer wieder von verschiedenen Instrumenten geprägt. Einer meiner Favourites von Brenks Solotracks ist „3Milliarden“, der vor allem einen fetten Einsatz der Drums hat, und während ihr hier weiterlest, könnt ihr den ja einfach mal laufen lassen.

Bei HAQ fällt auf, dass jeder Track seine eigene Note bekommt und diese schon sehr gut zum jeweiligen Inhalt passt. Einzelne Instrumente übernehmen wichtige Parts der Song und geben ihnen damit eine individuelle Stimmung. Das kann mal eine lockere Gitarre für den Track „Was ist das“ oder schwere Bläser für den nachdenklichen Track „Ich weiss“ sein. Bei all den Variationen, die die Textebene unterstützen, gibt es auch immer genug Spielraum für Brenks Beats. So finden sich zum Ende vieler Song nochmal Instrumentalteile, in denen zB Gitarrensoli eingebaut werden. Auch im Track „Coco Chanel“ gibt es zum Ende hin weniger Fokus auf neue Textzeilen, sondern einen Break mit runtergepitcher Hook, unter die Brenk nochmal einen richtig dicken Bass legen darf. Solche Momente heben das Album von vielen anderen Releases ab, in denen die Beats wenig Freiraum haben und der Fokus so gut wie nur auf dem Rap liegt. Umso besser, dass sich Said mit Brenk Sinatra zusammengetan hat, der den Text um eine starke musikalische Ebene erweitert und einen wichtigen Anteil zum Gelingen dieses Langspielers beisteuert.

Was kann der Text?

Schon der erste Titel „Reinwaschen“ zeigt, dass Said von verschiedensten Facetten seines Lebens erzählt. „Reinwaschen“ enthält viele einzelne Anhaltspunkte und ist damit der Ausgangspunkt für alle folgenden Tracks. Anhand seiner Hände und aller Dingen und Taten, die er mit ihnen schon gemacht und verübt hat, führt er in seine Lebenswelt ein. Die umschließt, neben dem kriminellen Hustle mit Drogen, auch Liebevolles und lässt auf seine bewegte Vergangenheit schließen. Die folgenden Tracks nehmen sich einzelnen Themen genauer an und es wird klar, dass es bei Said nicht einfach einen Song gibt, der oberflächlich über alle wichtigen Themen der Straße fegt, sondern er wirklich etwas zu erzählen hat.

Mal liegt der Fokus dabei mehr auf guten Flows, mal sind die Inhalte entscheidender. Die Tracks „Was ist das“ und „Zwischen“ nehmen eine Standortbestimmung des Rappers vor, spielen mit Reimketten und werfen eher assoziativ mit Schlagwörtern um sich. Daneben steht zB der Song „Ich weiss“, in dem sich Said ernsthafte Gedanken macht und diesen auch genug Platz gibt, um sie auszuformulieren. Der Satz „Die Straße ist nur cool, solange du nicht Straße bleibst“ zeigt ziemlich deutlich, dass die romantisierte Version eine Thug Lifes eben nicht den realen Erfahrungen entspricht, die Said gesammelt hat und die er in seiner Musik verarbeitet.

Der Track „Kuchen“ nimmt am ehesten Bezug auf den Albumtitel „HAQ“. Symbolisch für seinen berechtigten Anteil, holt sich Said beim Bäcker sein Stück vom Kuchen. Ohne Kompromisse, einfach rein da und her damit. Denn wer Straße bleibt, der hat sich seinen Teil verdient. Said rappt nicht aus Profitgier heraus, sondern weil es seine Art ist, Dinge zu verarbeiten. Keine Line zeigt das besser, als der Anfang von „Verano“: „Die Top Ten beschwert sich über’s Catering, während ich vakuumverpack‘ damit das Haze nicht stinkt.“

Auch der Track „Cro“ greift die Motive von Said auf und vergleicht sie mit denen des Rappers mit der Pandamaske. Said ist sich hier sicher, dass er ohne seine Erfahrungen mit Drogen, Gewalt und Straßenhustle wohl so ähnlich wie Cro rappen würde. Einen Punkt hat er dabei, denn Said bringt viele Geangselemente in seinen Songs unter und gibt ihnen damit eine gewissen Weichheit. Autotune braucht er dafür nicht, alles bleibt echt und ungeschönt. Diese weniger harte Seite zeigt er auch auf „Coco Chanel“ und „Ohne Dich“, die Liebeserklärungen mit roughem Charme verbinden. Der Vergleich mit Bonnie und Clyde ist zwar etwas platt, dafür rappt Said aber nicht über die Frauen als Bitches oder Schlampen, was ich deutlich wichtiger finde.

Altogether?

Said gelingt es, seine eigene Person und auf ihn bezogene Stories auf ein ganzes Album auszudehnen, ohne dabei langweilig zu werden. Wo andere Rapper einen Song mit vielen Phrasen abliefern, um möglichst viele Themen abzudecken und ihre Realness unter Beweis zu stellen, nimmt sich der Kreuzberger den Themen wirklich an. Dabei hat er so viel zu erzählen, dass er keine Phrasen nutzen muss, um zu überzeugen. Die realsten Alben sind immer noch die, auf denen nicht hundertmal betont werden muss, wie real man ist. Said hat genau so ein Album vorgelegt.

Die Inhalte sind nicht überraschend, sondern typisch für deutschen Rap. Sie sind allerdings auch frisch erzählt und kommen ehrlich und aufrichtig rüber. Brenk Sinatras Beats geben HAQ dabei seinen eigenen Klang und haben auf 13 Tracks auch genug Spielraum, um die Stärken seines Stils gezielt unterzubringen.

Der besondere Song?

Ist „Pusher“. Der Track markiert das Ende des Albums und bringt ein beliebtes Thema auf HAQ in den Vordergrund: Weed. Dabei wird auf den Struggle eines Pushers eingegangen, das rücksichtlose Vorgehen der Cops thematisiert und über die Nachfrage per Handy sinniert. Dazu gibt es noch ein Video in rosafarbener Optik, das den Song als Gesamtwerk zum Besten auf dem Album macht. Zwischen rosa Sturmmaske, Sparschwein und Klamotten gibt es übrigens auch einen rosa Fidgetspinner zu sehen. Keine Ahnung was ich davon halten soll, aber ich nehm es einfach hin.

Unwichtiger Fact am Rande: Song mit dem Titel „Pusher“ sind anscheinend sehr beliebt in letzter Zeit. Alleine von den KünstlerInnen, die ich regelmäßig höre, haben Joey Bargeld feat. Bonez MC, Haiyti feat. Vira Lata und BLVTH Songs mit diesem Namen rausgehauen. Und die sind alle gut. Scheint ein Erfolgsrezept zu sein.

Was sollte man tun, während man HAQ hört?

Holt euch ein paar Scheine aus dem Geldautomaten, geht in den Waschsalon und steckt das Geld in eine der Maschinen, so wie es Said im Pusher-Video vormacht. Dann Kopfhörer aufsetzen, Album anmachen und die Waschmaschine einfach durchlaufen lassen. Ich konnte diese Variante des Albumhörens leider noch nicht testen, denn ich habe kein Geld. Aber die Idee ist gut, denk ich.

Note

Stabil abgeliefert, würd ich meinen. 8/10

 

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