Es rauscht so schön | Bad Witch von Nine Inch Nails

Es rauscht so schön | Bad Witch von Nine Inch Nails

Warum Nine Inch Nails mit Bad Witch?

Ganz ehrlich, „Wish“ von NIN ist einfach ein saugeiler Song. Sehr alt auch schon. Aber auch auf Guitar Hero 6 enthalten. Weswegen ich ihn überhaupt erst kennengelernt habe. Und deswegen kann man ja auch mal ein neues Album von diesem Projekt besprechen.

Wie klingt der Sound von Bad Witch?

Das Album bringt viele klassische Elemente des Industrial Rock unter. Der Klang ist hart, wird von Gitarren dominiert und stark verzerrt. Auf den sechs Tracks, die Bad Witch beinhaltet, werden die verschiedenen Elemente unterschiedlich stark genutzt und zur Geltung gebracht, was dem Album insgesamt immer noch einen abwechslungsreichen Klang verleiht. „Shit Mirror“ beginnt dabei gleich ohen große Kompromisse und ballert im 4/4 Takt durch. Interessant wird hier schon der Einsatz von Bläsern, die zwar ebenfalls düster gehalten sind, aber ein wirklich unerwartetes Element sind. Musikalisch ist das Arrangement zwar simpel, durch die Effekte aber niemals beliebeig. Nach einem abruptem Break wird sogar ein zweites Riff eingeführt, dass meinetwegen noch viel mehr Platz hätte bekommen können, aber nur zum Fade-Out dient.

Die Songs „Ahead Of Ourselves“ und „God Break Down The Door“ setzen auf treibende Drums, die die ZuhörerInnen durchaus die komplette Zeit beschäftigen können. Mich persönlich überzeugt dieses Konzept sehr, was kein Wunder sein sollte, wenn man sich „Wish“ einmal angehört hat. In „Ahead Of Ourselves“ spielen die weiteren Instrumente auch stark untergeordnet und bekommen einzelne Einsätze und einen kurzen eskalativ-powernden Part für den Refrain. „God Break Down The Door“ setzt auf elektronische Sequenzer-Klänge und lässt den schnellen Rhytmus gegen den langsamen Gesang spielen. Auch hier setzen langgezogene Töne von Bläsern Akzente, die eine mystische Atmosphäre erschaffen.

Was in allen Songs, wenigstens im Hintergrund, mitschwingt, sind die verzerrten Gitarren, die oft nur als undefinierbares Rauschen und Donnern zu hören sind. Wenn ein Schlagzeug als strukturierendes Elemente fehlt, werden sie Songs auch nicht klassisch arrangiert. Der Instrumentaltitel „Play The Goddamned Part“ zeigt das ganz gut und verliert sich in seinen Wirrungen und Effekten. „Over And Out“ scheint zuerst das Gegenteil davon zu sein und kommt mit strukturiertem Drumset und entpannter Bassline daher, die wie ein Song der Gorillaz aus frühen Jahren anmuted. Mit fast acht Minuten Laufzeit, hält dieser Part allerdings nicht die komplette Zeit durch lässt das Album schlussendlich im Hall der Effekte ausklingen.

Was kann der Text?

Mit insgesamt um die 30 Minuten Albumlänge, auf der noch zwei Tracks ohne Text auftauchen, gibt es gar nicht mal so viel zu erzählen. Die vier Songs gehen mit ihren spärlich verteilten Textzeilen zumindest in die selbe Richtung und geben einen Einblick in die weit schweifende Gedankenwelt von Trent Reznor. Die ist ziemlich düster und sieht für die Menschheit nicht wirklich ein gutes Ende. „Shit Mirror“ wirft einen Blick auf die Veränderung des Menschen und sieht in seiner Weiterentwicklung ironischerweise einen Rückschritt, der keine positiven Entwicklungen mit sich bringt. Von der grundlegenden Perspektive erinnert einiges an die Überlegungen von Alex Turner auf dem aktuellen Arctic Monkeys-Album.

„Ahead Of Ourselves“ führt diesen Gedanken fort und mischt ihn mit Zweifeln an der Existenz eines Gottes. Die zwei prägenden Lines, die einige Wiederholungen erfahren bringen die Botschaft auf den Punkt.

„And we just can’t help ourselves“ / „We got ahead of ourselves“

Im Interview mit Zane Lowe hat Reznor seine Lyrics auch in Bezug zu den beiden zuletzt erschienenen EP’s gestellt, die zusammen mit Bad Witch eine Trilogie an Gedankengängen schließen. Auch dort werden Antworten auf die etwas größeren Fragen im Leben gesucht und, wie es sich gehört, nicht zufriedenstellend beantwortet. Simultan zur musikalischen Gestaltung nutzt „Over and Out“ Wiederholungen als Stilmittel. Auch hier wird der schleichende Untergang unserer Spezies beschrieben und auf ironische Art auf zwei Dinge eingegangen, die fast als Grundzustände der Menschheit zu verstehen sind. „Time is running out“ und „I don’t know what I’m waiting for“. Dazu wird bemängelt, dass immer wieder dieselben Fehler begangen werden und man kann sich selbst Beispiele überlegen, die eigentlich tagtäglich auftauchen und zu dieser Beschreibung passen.

Altogether

Das Album Bad Witch zeugt weniger von ausgelebter Wut, sondern mehr von unvermeidbarer Resignation und der Beschreibung dieses Zustands. Über die Textzeilen und deren Bedeutung oder Bezüge könnte man sicherlich auch mehrere Abende lang diskutieren, während man leichte Drogen konsumiert. Das Gute ist, dass man das nicht tun muss, weil das Album genug Musik zu bieten hat, die ohne Text auskommt. In der kann man sich gut verlieren und dabei seinen eigenen Gedanken folgen. Versucht man sich auf alle Details oder gar einzelne Instrumentenspuren zu konzentrieren, wird man das halbstündige Werk auch mehrmals durchhören und feststellen, dass Bad Witch ein sehr gutes Album ist. Es bietet die klaren, einfachen Parts, die klassischen Rocksongs in nichts nachstehen und liefert nebenbei verwirrend rauschende Instrumentals, die ein komfortables Hören mit gewohnten Strukturen unmöglich machen.

Der besondere Song?

Ist „God Break Down the Door“. Er vereint die besten Elemente, die das Album zu bieten hat. Daher kommen die Bläser vor, die Drums gehen ab, der Sequenzer feuert um sich, alles wird irgendwann in eine große Klangmasse gesteigert. Besser geht es nicht. Dazu ist die Länge mit guten vier Minuten ein passender Kompromiss zwischen strukturierter Single und professionellem Verzerren von diversen Instrumenten. Acid Techno trifft Industrial.

Was sollte man machen, während man Bad Witch hört?

Paar Freunde einladen, in einen Stuhlkreis setzen, Album anmachen und sich eine halbe Stunde lang anschweigen, dabei aber intensiver Blickkontakt.

Note

Eine halbe Stunde kranker Unterhaltung mit schlechten Aussichten für die Menschheit ist durchaus eine 9/10 wert.

 

 

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