Nimm noch nen Schluck | schweiss von Karäil

Nimm noch nen Schluck | schweiss von Karäil

Warum Karäil mit schweiss?

Auf die EP von Karäil bin ich nur gestoßen, weil seine Veröffentlichung vom Hanuschplatzflow-Kollektiv geteilt wurde. Da aus dieser Ecke idR sehr gute österreichische Musik kommt, konnte ein Reinhören bei Karäil nicht schaden, ein Feature von Crack Ignaz hat zusätzlich noch gereizt. Wäre die EP völlig belanglos gewesen, hätte ich sie wahrscheinlich einfach ignoriert. Aber da das nicht der Fall war, gibt es hier einen Text dazu.

Wie klingt der Sound von schweiss?

Ganz generell nutzt schweiss klassische Boom-Bap-Elemente. Dabei wird auf einen Sound gesetzt, der sehr natürlich klingt und fast komplett mit Instrumenten eingespielt sein könnte. Wenige direkt heraushörbare Drumcomputer, dazu Gitarren- und Bassspuren. Die klingen relativ düster und schlagen meist lang durchtönende Noten an.

Diese Mischung wird immer wieder von etwas leichteren Klängen aufgelockert, wie direkt im ersten Track „schweiss“ zu hören ist, bei dem Flöten eingebaut sind. Der Track „Angsttriebe“ beginnt sogar nur mit hämmerndem Bass und einer 4/4 Basedrum und kommt eher wie der Beginn eines Indierock-Songs daher, ehe Karäil anfängt zu rappen und der Beat wieder nach HipHop-Drums klingt.

Song Nummer 6, „Glühendes Gift“ featuring Slobi, scheint zuerst eine Ausnahme vom Soundbild zu machen. So könnte man zu Anfang denken, dass es auch ein heiterer Track auf die EP geschafft hat, da der Beat mit jazzig/souligen Klängen beginnt, gesamplet von „Green Onions“ einem Blues-Track von Booker T. & the M. G.’s aus den frühen 60ern, auch mal gespielt von den bekannteren Blues Brothers. Der Beginn wird allerdings schnell aufgebrochen und in einen raptauglicheren Beat überführt, der zwar die Elemente von Green Onions beibehält, aber deutlich schwerer daherkommt.

Die gesamte Ausrichtung kommt zwar ziemlich kraftvoll daher, hält sich allerdings mit den ganz explosiven oder aufmerksamkeitsheischenden Momenten und Variationen zurück, so dass sie den Text immer nur unterstützt und quasi als zusätzliches Element dient, während man Karäils Gedanken folgt. Produzenten gibt es auch gleich mehrere. „Buttermesser“ hat Karäil selbst produziert, die ersten drei Instrumentals kommen von Testa und Chrisfader, die letzten drei Tracks hat Gru produziert. Trotzdem klingt die Ep insgesamt stimmig und erlebt keine dramatischen Stilbrüche.

Was kann der Text?

Auf Facebook hat Karäil in der intensiven Promophase mitgeteilt, dass die alternativen Titel von schweiss „Spaß am Scheitern“ oder auch „Texte die einer schrieb, bevor er im Erdgeschoss aus dem Fenster sprang“ gewesen sind. Das gibt schon einen ungefähren Eindruck davon, wie viel Lebensfreude auf der EP verbreitet wird. Passend zu dieser wenig vorhandenen Thematik steht auch der Titel „schweiss“, der sich aus den Worten Schwarz und Weiss ergibt.

Es ist eine große Düsterheit, die sich durch das Werk zieht. Sie verbreitet sich auf der einen Seite beim Blick auf das eigene Leben und auf die Probleme, mit denen man umgehen muss und des darauf folgenden Rauschs, mit dem die Probleme angegangen, aber nicht bewältigt werden. Auf der anderen Seite steht eine Ablehnung gegenüber dem Großteil der anderen Menschen, die ihren langweiligen Alltag leben und ohne große Hintergedanken auskommen. Besonders der letzte Track „Hank“ fasst das gut zusammen.

„Normalos heben draußen Scheiße auf von ihren Hunden, sie sind glücklich. Heb die Hand, wenn dich das auch ein bisschen wundert.“

Den philosophischeren Teil der Lyrics gibt es bspw auf „Kälte“ featuring Pif Paf und Ernst Palicek, wobei Pif Paf sein eigenes Alter Ego ist, soweit ich das richtig nachgelesen hab. Den Track kann man daher wohl auch als Art Selbstgespräch verstehen, das zwar nicht in einem Disput, aber eben doch mit unterschiedlichen Ansätzen endet. Ernst Paliceks Part in der Hook bringt der EP den sonst kaum vorhandenen österreichischen Dialekt, der sich dort gut einfügt.

Altogether

Karäil zieht seinen Stil auf der EP durch. Zwar werden immer wieder verschiedene Facetten der Tristesse und des Alkoholkonsums aufgezeigt, thematisch schwenken allerdings alle in eine ähnliche Richtung. Mal komplexer mit den eigenen Gedanken schweifend, dann wieder mit deutlicheren Punchlines gegen die Umwelt feuernd. Dazwischen gibt es genug Raum für die Hörer_innen selbst nachdenklich zu werden und Sinn in den Texten zu finden. Das ist gut so und macht die EP zu einem Stück Musik, was sicherlich nicht für spaßig-harmloses Hören als Nebenbeschäftigung taugt, dafür aber Gehalt hat.

Die beschränkte themtische Spannweite ist aufgrund von sechs Tracks kein Problem. Das Format EP hilft auf jeden Fall dabei, dass hier keine reinen Filler gebraucht werden. Und so kommen die Songs ohne Phrasen und geheucheltes Selbstmitleid aus, sondern wirken ehrlich.

Der besondere Track

Ist „Hank“ featuring Crack Ignaz. Auf dem gibt es nämlich die Punchlines, die viele Inhalte der gesamten EP gut auf den Punkt bringen. Dazu bringt Crack Iganz einiges an Hass mit, indem er gegen Yeezys und werbegeleitete Konsumenten schießt. Hier zeigt der Österreicher seine Vielseitigkeit, rappt er sonst doch auch sehr gerne über sein eigenes „Gödlife“ als Positivbeispiel. In „Hank“ gelingt beiden Rappern die Bewältigung des Alltags nur mit Alkohol oder anderen Substanzen. Dazu gibt es noch eine tolle Hook mit fantastischem Lakman-Sample – mehr als ein gelungener Abschluss der EP.

„Du gehst Laufen oder Pumpen / Ich saufen in Spelunken.“

Was sollte man machen, während man schweiss hört?

Am besten alleine Alkohol trinken und davor die Zimmertür abschließen. Dazu vielleicht über das eigene Dasein sinnieren und den Kopf mit Gedanken zustopfen. Dann Hass bekommen und vor Frust aus dem Fenster auf die Straße spucken. Dabei hoffen, dass man die Richtigen trifft.

Note

Mit stimmigen Beats und ausdrucksstarken Lyrics hat Karäil hier eine sehr hörenswerte EP abgeliefert, die ihre ca 20 min Laufzeit voll ausnutzt. Dafür ne 8/10.

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