Rap mit Akustikgitarre | Stokkholm von Kex Kuhl

Rap mit Akustikgitarre | Stokkholm von Kex Kuhl

Warum Kex Kuhl mit Stokkholm?

Von den Releases der letzten Woche stach Kex Kuhl insofern heraus, dass er einen etwas anderen Ansatz für ein (Deutsch-)Rapalbum gewählt hat. Seine LP kommt ohne gebastelte Beats aus, ist komplett instrumental eingespielt und wirbt mit diesem Fakt für sich. Im Pressetext wird sogar der Begriff „Grunge-Rap“ in den Raum geworfen, der zumindest neugierig macht.

Wie klingt der Sound von Stokkholm?

Womit man direkt zum Klang des Albums kommt. Der Opener „Halb Acht“ beginnt sofort in die versprochene Richtung zu steuern und lässt angezerrte Gitarren auf hallende Drums treffen. Die Gitarre erinnert tatsächlich ziemlich stark an die Strophe von „Smells Like Teen Spirit“, auch wenn sich das über den Rest des Songs in keiner Weise sagen lässt. Generell bietet das Album einen ziemlich ausgeglichenen Mix zwischen schnelleren Tracks und solchen, die ruhig und meist nur von wenigen Instrumenten getragen sind. Erarbeitet wurden die Songs von Kex Kuhl mit seiner Gitarre, im Studio wurden diese Entwürfe dann zu Songs gemacht. Der Titeltrack „Stokkholm“ verbindet beide Elemente, beginnt nur mit der Akustikgitarre und bringt dann im Verlauf auch Drums und E-Gitarre dazu. Musikalisch bleibt es dabei eher simpel, die Strophe klingt nach Teenie-Rock, während der Refrain etwas uninspiriert im 4/4-Takt durchgeschlagen wird.

Auf „Alte Götter“ und „Höhlenmenschen“ wird ebenfalls ein rockiger Klang gesucht, der sich hauptsächlich über Schlagzeug und Gitarre ausgestaltet. Beide Songs setzen auf einen treibenden Rhythmus, bauen weniger auf Riffs, als auf aufgebrochene Akkorde und schaffen eine ähnliche Grundstimmung. Das erinnert im Gesamtergebnis stark an einen unperfektionierten Kraftklub-Sound, dem das gewissen Etwas an Kreativität fehlt. Man hat zu oft das Gefühl, dass einfach eine Gitarre an den Verstärker geschlossen und direkt losgespielt wurde, ohne sich allzu viele Gedanken über einen individuellen Klang zu machen. Das mag sogar beabsichtigt sein, um den Output minimalistisch zu gestalten, wird aber zu langweilig. Dass es auch anders geht, zeigt Kex Kuhl im Song „Kompliment“. Dort bleibt der Beginn sehr ruhig, minimalistisch, schön tief und ein wenig traurig. Erst zum Ende steigert sich das Geschehen, es kommen Crashbecken dazu, die Anschläge der Seiteninstrumente werden härter, aus dem Hintergrund wird die Hook hereingebrüllt. Das erzeugt einen kraftvollen, überraschenden Moment, den man gerne öfter auf dem Album gehört hätte.

Daneben gibt es noch die ruhigen Songs, die deutlich mehr nach der rohen Urversion klingen, die sich Kex Kuhl beim Schreiben überlegt hat. Meist gibt es zur Gitarre noch leichte Drums und ein wenig unterstüzenden Bass. Viel mehr passiert dort nicht und muss dort auch nicht passieren. Denn die Texte auf dem Album sind größtenteils persönlich und brauchen keinen ausgefallenen musikalischen Rahmen, um ihre Wirkung zu erzielen. Bestes Beispiel dafür ist die Menschen-Trilogie, die über das Album verteilt ist. Hier ist die musikalische Begleitung wirklich nur für den Hintergrund gedacht und lässt den Gedanken von Kex Kuhl viel Platz.

Was kann der Text?

Kex Kuhl kommt ursprünglich aus der VBT-Ecke und hätte er den Charakter dieses Wettbewerbs einfach in ein ganzes Album gepresst, könnte ich hier direkt aufhören über den Text zu schreiben. Zum Glück hat er das nicht. Passend zum musikalischen Rahmen, der ungewöhnliche Wege geht, geht auch der Text kaum auf Punchlines, sondern erzählt Persönliches aus dem Leben von Kex Kuhl. Dabei wird oft ein Blick in die Vergangenheit geworfen, die den Rapper offensichtlich stark beschäftigt. Das ist nicht zwangsläufig tiefgründig, manche Erinnerungen beschäftigen sich nur mit dem ehemaligen Freundeskreis, dem gemeinsamen Abhängen, trinken und kiffen. Oft schwingt dabei Melancholie mit und Kex Kuhl trauert der damaligen Leichitgkeit und Unbekümmertheit hinterher. Das mag vllt einige Leute ansprechen, weil es sie an eigene jugendlichere Zeiten erinnert, ist aber ziemlicher Standard-Content. Fast jeder hat derartige Stories zu erzählen, einen ganzen Song muss man damit nicht füllen. Denn sonst tritt genau der Zustand ein, der nicht erreicht werden sollte: „Die Mukke meist melancholisch und einschläfernd“.

Ausnahmen von diesem Motiv gibt es natürlich trotzdem genügend. Der Titeltrack „Stokkholm“ zeigt einen Blick in die Fantasie von Kex Kuhl, und stellt sich die Entführung seiner Traumfrau vor, die sich dann daraufhin endlich in ihn verliebt. Wegen Stockholm Syndrom undso. Das ist in der Grundidee ganz witzig und seine Vernarrheit bringt er gut zur Geltung. Allerdings gibt es auch Textbausteine von der Sorte, wie sie wahrscheinlich auch Fanta 4 und Fettes Brot reimen würden.

Ja ich weiß, meistens kriegste des nicht mit, doch wenn wir zusammen den Tag verbringen, dann ist des voll der Shit.

Uff. Dann doch lieber Inhalt, den nicht jede x-beliebige Person schon mal erlebt hat und das in ehrlich erzählt. Auch das gibt es auf „Stokkholm“, meistens redet Kex Kuhl dann über das Musikbusiness, an dem ihn einiges stört. So stellt er fest, dass seine Idole alle schon gestorben sind und es auch keine neue Könige mehr gibt. Genervt ist er außerdem von Menschen, die ihn erst jetzt, wo er mit seiner Musik Erfolg hat, unterstützen wollen und seine Songs feiern. Das ist nachvollziehbar, ehrlich vorgetragen und kein alltägliches Geschehen.

Zuletzt gibt es noch Kex Kuhls Beziehungen zu Menschen, die er auf der schon erwähnten Trilogie, sowie auf zwei Tracks für die Familie, aufarbeitet. Kurz zusammengefasst: Er kann viele Menschen aufgrund ihres Verhaltens und ihrer Fehler nicht leiden, weiß aber auch, dass er selbst Fehler macht. Er mag seine Familie, weil sie ihn stark macht und insbesondere seinen Cousin, mit dem er kifft. Family und ganz besonders Mama-Songs sind im deutschen Rap ja eigentlich schon standardmäßig mit einem Track auf dem Album vertreten. Wer drauf steht, dem empfehle ich die folgende Ausgabe des Rapstammtischs.

Altogether

Kex Kuhl hat mit einer anderen Art von Deutschrap gelockt und dieses Versprechen wurde auch eingehalten. Von Grunge ist allerdings wenig zu hören, stattdessen gibt es gefühlslastigen Indie-Pop in Singer/Songwriter-Manier. Das ist nicht einmal besonders schlimm, sondern passt zu den Inhalten und der Art und Weise, wie sich das Album gestaltet. Mit „LaLaLa“-Refains ist „Stokkholm“ dann allerdings auch keine spannender neuer Input für das Rapgame, sondern einfach ein instrumentales Album mit einem Sänger, der auch gut rappen kann.

Trotzdem kann man Kex Kuhl nicht vorwerfen, dass er mit einer langweiligen Idee an das Album gegangen ist und alleine dafür kann man schon dankbar sein. „Stokkholm“ fehlen trotzdem die überraschenden Momente und vor allem spannendere Themen. Für Kex Kuhl selbst wird das Album vllt eine gute Aufarbeitung von vielen Gedanken, die ihn umgebtrieben haben, gewesen sein. Für die HörerInnen sind aber viele allgemeingültige Themen vorhanden, die dann doch eher an Poetry Slam, als an Rap erinnern.

Der besondere Song?

Ist „Stokkholm“. Der Titeltrack geht ein wenig aus dem ganz privaten Inhalt heraus, erschafft halbwegs witzig die Fantasie einer Entführung und des folgenden Verliebens der Entführten in Kex Kuhl. Dabei ist gerade auch die erste Strophe detailverleibt und gut aufgezogen, über die „passiv high“-Line kann man hinwegsehen. Das Video geht in eine etwas andere Richtung, endet nicht im Nachtzug, sondern im Kofferraum, setzt den Song aber gut um.

Was sollte man machen, während man Stokkholm hört?

Auf ein „Käpt’n Peng & Die Tentakel von Delphi“-Konzert gehen.

Note

Hab ein bisschen Sodbrennen vom Hören bekommen. 5/10

 

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