Recap 01/2019

Recap 01/2019

Uff. Neues Jahr, altes Problem: Zeitmangel. Gerade der Januar hat gleich vier Deutschrapalben geliefert, die ich mir viel zu gern in einer Review vorgenommen hätte. Aber das sollte nicht sein. Daher gibts in diesem Monatsrecap einfach ein paar der Gedanken zu den Alben von Döll, Yassin, Dendemann und LGoony, die es sonst wahrscheinlich in die Review geschafft hätten und hier eben lose reingeschmissen werden.

Döll – Nie oder jetzt.

Den Anfang macht, ganz chronologisch, Döll. Der hat ein sehr persönliches Album vorgelegt, auf dem er sich ganz besonders seinen Problemen der letzten Jahre widmet. Die Spielsucht ist da eines der gravierendsten und die Texte lassen einen harten finanziellen und mentalen Struggle erahnen. Das gilt in gewisser Form auch für Dölls Freundes- und Bekanntenkreis, der unter seinem Verhalten und seinen Problemen mit Sicherheit zu leiden hatte, nicht zuletzt seine Ex-Freundin. Die kommt nicht wirklich gut weg, kann sich aber auch schlecht wehren, wenn sie auf dem Album besprochen wird. Hoffentlich hat Döll seinen Scheiß mittlerweile mit den meisten Leuten geklärt, das Album ist immerhin eine Art der Aufbereitung.

Soundtechnisch hält es Döll ebenfalls real, eher klassisch als modern und versucht diese Abgrenzung auch als Verkaufsargument zu benutzen. Das hat ziemlich gut geklappt, am Ende ist er auf Platz 15 der Albumcharts eigestiegen und hat bewiesen, dass die Gruppe an Raphörer*innen, die sich Boom-Bap-Sounds wünschen, immer noch recht groß ist. Stabiles Album und sehr aufrichtig in den Texten dazu.

Mein Favorite ist tatsächlich „64“, auch wenn ich sonst wenig auf die klassischen Zahlen-Representer stehe. Aber hier kriegt Döll es gebacken aus dem klassischen Schema auszubrechen, das dieser Art von Songs normalerweise anhaftet. Sein Text bedient eher wenige Klischees und wirkt einfach sehr authentisch, wie das Album im Gesamten. Der Beat ist übrigens ziemlich ausgefallen und könnte so auch auf dem vorletzten Marsimoto-Album zu finden sein. Sehr düster, mit choralen Gesängen und leicht trappy haben Enaka und Yassin da einen sehr guten Job gemacht.

Für gesamte Album gibts ne stabile 7/10

Yassin – Ypsilon

Der zweite Rapper in der Reihe ist Yassin, der sein erstes Soloalbum „Ypsilon“ veröffentlicht hat. Erschienen ist es auf dem eigenen Label „Normale Musik“, das er zusammen mit Audi088 gegründet hat und nun auch den ersten großen Charterfolg vermelden kann. Platz 8 für ein Album, das sich, wie schon bei Döll, viel mit persönlichen Themen auseinandersetzt. Für eine umfangreiche Review fehlt die Zeit, aber gerade zwei Aspekte ragen bei Yassins Album heraus und sind Gründe, warum die Platte wirklich gelungen ist.

Yassin thematisiert recht offensiv sein eigenes Älterwerden und die Nutzung von Autotune. Zwei Themen, die im Rapgame durchaus umstritten sind. Die Single „Haare Grau“ verbindet beide Elemente und ist Opener des Albums. Zumindestes auf der Vinylversion, die kein abgetrenntes Intro hat, wie es beim Album auf Spotify zu finden ist. Der Track führt die Hörer*innen also direkt in die neuartige Soundwelt, die Yassin und Producer geschaffen haben, und liefert direkt zwei polarisierende Themen.

Das Thema Älterwerden im Rapgame ist ein ganz eigenes für sich, in Deutschland erst so richtig in der Entwicklung und vor allem mit dem Konzept von Authentizität verbunden. Ich bin meist nicht weit, wenn genau diese Authentizität einigen älteren Rappern abgesprochen wird, die sich mit der Zeit erstens zu weit „hoch“ gearbeitet haben und damit jetzt in einer komplett anderen sozialen Lage sind, als sie es bei ihren früheren Alben waren. Und die zweitens versuchen einen harten, von Drogen und Exzessen geprägten, Alltag in den Titeln zu beschreiben, den sie offensichtlich nicht mehr wirklich erleben. Yassin umgeht dieses Dilemma, indem er sich zu privaten Themen äußert, ohne dabei ein vollkommen gelungenes oder wenigstens krass aufregendes Leben zu beschreiben. Er bleibt realistisch und macht den Hörer*innen nichts vor. Denn wer sich über die Höhen und Tiefen seines Lebens äußern will, der darf ruhig graue Haare haben. Das ist beinahe noch besser, als der Versuch eines Mittzwanzigers, der ein solches Thema bespielen will.

Dass Yassin die Bedeutung seiner eigenen Nutzung von Autotune-Effekten als Stilmittel deutlich bewusst ist, zeigt unter anderem sein neues Merch. [Drop war beim Survival-Camp. Ich glaube, dass dort „Autotune ist kein Verbrechen“ draufstand. Finde aber aktuell kein Foto, was das beweist.] Yassin hat schon in früheren Songs gesungen, beziehungsweise Versuche in diese Richtung unternommen. Dass das in der Qualität wahrscheinlich nicht ausgereicht hätte, um großflächig auf einem Album eingesetzt zu werden, macht den Einsatz von Autotune einfach folgerichtig. Yassins Stimme passt sich damit an die modernen Beats an, wird kraftvoller und bleibt melodisch. Kurz gesagt: Sie macht eine Weiterentwicklung seines kompletten musikalischen Spektrums möglich. Letzlich bleibt es trotzdem Geschmackssache, ob man diese Weiterentwicklung gut findet, aber das Album bietet viele Momente, die es einem sehr leicht machen.

Insgesamt ne gute 8/10

An dieser Stelle muss noch ein kurzer Exkurs her, der vielleicht als Gegenstück zur Argumentation dienen kann und zeigt, was Yassin alles richtig gemacht hat. Gleichzeitig ist er ein Grund, der erklärt, wieso Twitter als Social Media-Plattform eine Hassliebe ist. Denn nur durch ein paar Tweets bin ich auf diesen Track hier gestoßen, der ebenfalls Rapper mit grauen Haaren und Autotune enthält. Die Unterschiede seht und hört ihr selbst.

Dendemann und LGoony

Haben kein Kollabo-Album veröffentlicht, aber zumindest am gleichen Tag releast. Der eine wird damit in die höheren Chartpositionen kommen, der andere hat sein Album als Free-Download zur Verfügung gestellt. Der eine hat seine Stärken in der Thematisierung von einer politischen und gesellschaftlichen Stimmung gefunden, der andere in der Weiterentwicklung seines ganz eigenen Soundbildes.

Beide Alben haben tatsächlich starke Nummern dabei, die sich gut in Dauerschleife hören lassen und leider auch die, die man lieber skipt. Über dem Durchschnitt an Deutschrapalben, die in den letzten Monaten erschienen sind, liegen beide mit dieser Mischung allerdings locker.

Jeweils 7/10

s/o an Harry Quintana für die Heynckes-Line. Hoffentlich gibt es bald wieder ein neues Comeback, bei dem du die Meisterschaft holen kannst.

De Staat – Bubble Gum

Natürlich muss noch kurz die Rockmusik gewürdigt werden und da bietet sich da neueste Album der niederländischen Band De Staat an. Ihr Schaffen könnte man ähnlich wie das von LGoony einordnen, wenn man sich auf die Soundgestaltung bezieht. Denn die Band überzeugt vor allem durch ihre wiedererkennbaren Verzerreffekte und hat diese Kunst auf „Bubble Gum“ ein weiteres Mal verfeinert. Besonders gelungen sind die etwas längeren Stücke, die sich einfach in Rauschen aus Syntheziser- und Gitarrenspuren begeben und nicht hektisch abgewürgt werden.

Insgesamt eine sehr gute Platte, die neben den ausgekoppelten Singles auch noch den Track „Me Time“ zu bieten hat. Der Song klingt ungefähr so wie die Hintergrundmusik in einem SuperMario-Level, bei dem man einen Bösewicht im Schloss besiegen muss. Nur nicht so plastisch elektronisch, sondern in einem satten Sound. Absoluter Ohrwurm!

Note fürs Album: 8/10

DEDUST Spotify -Playlist

Zuletzt der Hinweis, dass es ab sofort eine hochprofessionell kuratierte Spotify-Playlist gibt, auf der sich Songs finden, die man hören kann. Zum Beispiel Tracks, die es nicht mehr in den Monatsrückblick oder eine Review geschafft haben und generell die besten Songs der Alben, die eben so herauskommen. Ab und zu kommt noch ein Track dazu, den ich 2018 vielleicht übersehen hab, sonst nur neuer Stuff. Viel Rap, einiges davon deutsch, ab und zu auch Gitarrenzeug. Klickt drauf und freut euch über die Aktualisierungen, die ich hoffentlich regelmäßig vornehme.

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