Recap 02/2019

Recap 02/2019

Fun, Fun, Fun im Februar. Zumindest einige Releases haben viel Spaß gebracht, in England wird dagegen Beef zwischen Punk-Musikern neu befeuert, andere Gruppen wollen Europa für sich beanspruchen. Viel Material für den monatlichen Recap.

DEDUST-Playlist

First things first. Die Playlist dieses Blogs gibt es jetzt seit dem Januar und wird tatsächlich immer noch gepflegt. Das heißt, dass fast jeden Freitag neue Singles und jene Hits reingeballert werden, die auf manchen Alben vielleicht eher untergehen. Da hier aktuell eher wenige Beiträge erscheinen ist das wirklich die beste Möglichkeit auf dem Laufenden zu bleiben. Klickt, hört und followt.

Calva Louise – Rhinoceros

Die britische Alternative/Indie-Band Calva Louise hat ihr Debütalbum „Rhinoceros“ veröffentlicht und es ist fantastisch geworden. Zu dritt liefert die Gruppe um Frontfrau Jess zehn Songs ab, die allesamt als Hits durchgehen können, weil sie gleichzeitig harmlos und trotzdem mit viel Energie umgesetzt wurden. Mal wird im Refrain fröhlich vor sich hin gepfiffen, zwischendurch eröffnet eine spielerische Bassline einen Track, immer wieder tauchen hohe Stimmeinlagen im Hintergrund auf. Ein perfektes Album zum kompletten Durchhören und abschalten. Diese Art von Musik wird hier eher selten positiv besprochen, die kleinen Details schafen es aber, das Album nicht in die Belanglosigkeit abgleiten zu lassen. Allen voran steht dabei Jess‘ Stimme, die von saft bis zu (für Indie-Musik) heftigem Geschrei reicht. Dazu arbeitet die Band clever mit Effekten für die Seiteninstrumente und erschafft meist einen undurchdringbaren, difussen Sound, der nur ab und zu durch klare Riffs aufgebrochen wird. Einziger Nachteil: Knapp die Hälfte der Songs waren auch schon vor dem Album veröffentlicht, aber wer will bei so einem Debüt groß meckern. Favorite Track: Cruel Girl. Insgesamt eine freudestrahlende 8/10 

Tightill – Infinity

Tightill aus Bremen hat nach einigen Kollabo-Projekten im Umfeld der Erotik Toy Records-Crew sein Soloalbum „Infinity“ rausgebracht und die Scheiße ballert. Mit seinen Produzenten hat sich der selbsternannte Prinz keine Grenzen gesetzt und liefert Trap-Bretter, Punkrock mit Garagensound und besten Synthie-Pop. Diese wilde Mischung funktioniert auf dem kompletten Album und zeigt einmal mehr die Vielfältigkeit und Experimentierfreudigkeit, die bei Erotik Toys groß geschrieben wird. Auch wenn das Album insgesamt viel Spaß bringt, hedonistische Themen und die Liebe nicht zu kurz kommen lässt, schimmern immer wieder (selbst-)kritsche Töne hindurch, beispielsweise auf „S.P.R.I.T.Z.E.“ oder dem „Cop-Skit“. Infinity bietet den Soundtrack für Drogentrips, den Spaziergang durch die Stadt oder wilde Fahrten auf dem Skateboard. Letzteres vor allem durch den Track „Skate and Die“, der äußerst aggressive Bässe mit sich bringt und exemplarisch zeigt, wie Rap von und für die Straße neben klassischem Gangsta-Rap aussehen kann. Dreckig und ehrlich. Auch hier ne dicke 8/10

Harry Quintana – RARO

„Quintana ist jetzt back, es gibt keinen Grund zu trauern.“ Stimmt. Aus dem Nichts, aber nur kurz nach seinem Feature auf dem LGoony-Album „Lightcore“, meldet sich Harry Quintana mit der EP „RARO“ zurück. Wie man es gewohnt ist, gibt es wieder Punchlines zum Lachen, bessere Fußballererwähnungen als in jedem nur möglichen Modus-Mio-Song und dazu ein paar Lebensweisheiten. Das macht Spaß und hat auch direkt für ein bisschen Wirbel gesorgt. Harrys Abneigung gegen MoTrip gab es schon früher zu hören, diesmal wird direkt beim Opener gegen das Kollabo-Album von Ali As und MoTrip geschossen, was Ali auf Twitter ein bisschen eskalieren ließ. Jetzt ist er gesperrt. Harry grinst sich wahrscheinlich einen. Zurecht. Ein wenig Sozialkritik findet sich auf RARO auch, ist allerdings weniger stark im Fokus als zB bei der El Camino EP, was schade ist. Ein gutes Release ist es trotzdem geworden, manchmal muss man eben back to basics, so wie Harry Quintana es selbst formuliert: „Das hier geht an alle, die Rap nicht verstanden haben. Es geht nur um Koks und Money, wie beim Musikantenstadl.“ Hört euch das Ding an, ihr könnt es hier kostenlos downloaden oder einfach auf den üblichen Streaming-Diensten anklicken. Als Note gibts ne 7/10

De Staat live in Leipzig

Ein bisschen persönliches Zeug darf nicht fehlen. Die niederländische Band De Staat hat mit „Bubble Gum“ ein sehr gutes Album herausgebracht, das Gitarrenmusik mit epischen Synthesizern vereint und nun endlich mal in Leipzig gespielt. Vor fast genau zwei Jahren hab ich die Band schon in Dresden spielen sehen, allerdings hatten damals nicht so wirklich viele Leute Bock auf das Konzert und die Location war ziemlich leer. Dadurch konnte ich immerhin nach dem Gig mit dem Sänger zu quatschen und mir eine Platte holen, in die er reingeschrieben hat, dass man sich bestimmt wieder sieht, vielleicht in Leipzig. In der Zwischenzeit bin ich zwar aus dem Osten in den Westen gezogen, das war aber kein Grund den Auftritt im Neuen Schauspiel zu verpassen, weshalb ich mich Ende Februar in einem aufgeheizten Kellerraum wiederfand, in dem deutlich mehr Leute um mich herumstanden, als damals in Dresden. Der Auftritt war energiereich, nah und mit ziemlich coolen, mobilen Lichtanlagen ausgestattet, die passend zur Musik mit Stroboeffekten in die Gesichter der Zuschauer*innen geballert haben. Sehr schöne Sache, gerne wieder.

Punk-Beef und das Europa-Problem

Sinnvolle Zwischenüberschriften werden überschätzt. Sleaford Mods haben im Februar ebenfalls ein neues Album veröffentlicht. Es trägt den Titel „Eton Alive“, ist über das Label „Extreme Eating“ erschienen und wirklich gut geworden. Die Texte sind bissig, musikalisch wurde deutlich mehr experimentiert als bei der letzten EP, wodurch das Album auf eine gute Weise abwechslungsreicher ist. Für Schlagzeilen hat zum Release allerdings weniger der Inhalt an sich, sondern eine Aussage von Sänger Jason gesorgt. Der hat in der Beantwortung von Fanfragen für den Guardian eine ausführliche Antwort darauf gegeben, warum er die Band „Idles“ nicht wirklich mag und ihnen dabei vorgeworfen, sich die Stimme der Arbeiterklasse anzueignen, zu der sie gar nicht zählen würden. Das sticheln von Jason in Richtung Idles mit genau dieser Kritik ist eigentlich nichts Neues und findet sich bei Twitter schon seit einiger Zeit, zum Beispiel hier.

Idles haben im letzten Jahr einen großen Aufschwung im Rahmen ihres zweiten Albums „Joy As An Act Of Resistance“ erfahren, wurden von vielen Seiten gelobt und haben es auch im Alben-Ranking für 2018 in diesem Blog auf die 1 geschafft. Die ausführliche Kritik von Jason hat sich als Beef-Schlagzeile natürlich hervorragend geeignet, trotzdem ist die Kritik darin sicher nicht zu diesem Zweck formuliert worden, sondern ernst gemeint. Was fraglich ist, ist Jasons Bemerkung, dass er „Brutalism“, das erste Album von Idles aus 2017, noch einigermaßen gut gefunden habe, denn hier findet sich deutlich mehr Klassenbewusstsein in den Songs als auf „Joy“. „Brutalism“ schließt unter anderem die Titel „Mother“, „Well Done“ und „Divide & Conquer“ mit ein, die alle auf Klassenungerechtigkeit aufmerksam machen. Das aktuelle Album legt dagegen deutlich mehr Wert auf die Etablierung eines zeitgemäßen Männlichkeitsbildes. Da fällt es schwer die Vorwürfe als angemessen hinzunehmen, insbesondere da Jason davon spricht, dass Idles diese Aneignung „to a certain degree“ betrieben haben. Wo genau für Jason die Grenze zur Arbeiterklasse liegt bleibt dabei offen. Genauso wie die tatsächlichen Herkunftsumstände der Mitglieder von Idles, weshalb es schwerfällt hier Partei für eine Seite zu ergreifen. Jason sagt zudem, dass Musik keine politischen Probleme lösen könne, was sicher größtenteils stimmt, man schaue nur auf #wirsindmehr. Idles haben es aber mit ihrem letzten Album geschafft, tatsächlich vielen Menschen in persönlich schwierigen Lagen zu helfen, was sich konkret an der AF Gang festmachen lässt. Insofern wirkt der harte Ton von Jason überzogen.

Auf der anderen Seite ist die Diskussion um dieses Thema immerhin vorhanden und lässt sich mehr oder weniger aushandeln. Im deutschsprachigen Raum wird zur gleichen Zeit die österreichische Band Bilderbuch gefeiert, weil sie als Promo zu ihrem aktuellen Album „Vernissage My Heart“, das den Song „Europa 22“ enthält,  eine Website freigeschaltet hat, auf der Leute sich in einem digitalen europäischen Pass abbilden lassen können. Eine Promo-Aktion so subversiv und politisch-progressiv, dass sich auch die Politker Martin Schulz und Heiko Maas den Spaß nicht entgehen lassen konnten und sich einen EU-Passport anfertigten. Dass dazu ein Video auf Twitter aufgetaucht ist, dass einen Ausschnitt aus einem Fernsehbeitrag zeigt, der sich mit Bilderbuchs Album „Magic Life“ beschäftigt, macht die Sache nicht besser. Dort geht Frontsänger Maurice nicht gerade sensibel mit seinen Worten um spricht quasi von einer „afrikanischen“ Sprache, ganz so, als ob Afrika aus europäischer Sicht einfach ein großes Land mit ein paar Kernmerkmalen ist.

Um es klarzustellen: Bilderbuch ist keine rassistische Band. Die Aussage ist es tendenziell schon. Deutlich wird zumindest, dass die Idee eines geeinten Europas für viele junge Menschen eine Idealvorstellung ist, die viele Probleme, die von der EU verursacht werden und schon früher von Europäern verursacht wurden, ausblendet. Malcolm Ohanwe fasst das passend zusammen.

Zusätzlich hat übrigens Diplo am selben Tag ein Album namens „Europa“ veröffentlicht, das sich eher hedonistisch als politisch gibt, auch Modeselektor behandeln das Thema, wenn auch eher implizit. Worte zu diesen Werken kann man hier bei der Zeit nachlesen. Und dann gibt es ja noch die Screenshots, die bereits die „Europa LP“ veröffentlicht haben. Vielleicht gibt es also bald einen großen Beef um die Deutungshoheit dieses politischen Themas in der Popkultur, gepaart mit ironischen Takes. Keine Ahnung wer dann noch durchblickt. Zu viele Layer.

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