Recap 04/2019

Recap 04/2019

Titelbild: Screenshot aus dem YouTube-Video „MCNZI – Mietspiegel (Official Video)“ von ‚Live From Earth‘

Nach dem wirklich starken Start ins Musikjahr 2019 wird jetzt langsam alles wieder normal. Das bedeutet für den April, dass zumindest im deutschen Rap weniger Alben erschienen sind und davon, wie immer, nur ein kleiner Teil gut anzuhören ist. Deswegen gehts auch mit einer EP los, die auf das Genre HipHop absolut null Fick gibt.

MCNZI – Mietspiegel

Wenn einer drei Genres auf einer 5-Track-EP unterbringen kann, dann Mr. McCarthy aka MCNZI. Electronic Body Music, Punk und New Wave finden ihren Platz auf der größtenteils politischen Veröffentlichung. MCNZI kommt aus den Suburbs von Berlin, aber nutzt seine Stimme vor allem bei Themen, die insbesondere das Geschehen in den angesagten Vierteln der Stadt betreffen. In diesem Fall: Gentrifizierung, ein hoher Mietspiegel, fehlende Lösungswege der Politik. Der Mietspiegel ist dementsprechend Leitmotiv der EP, die aber auch nicht ausblendet, welche persönlichen Themen der Stadtraum Berlin eröffnet. Daher ist „Mietspiegel“ eine EP, die sowohl Möglichkeiten der persönlichen, künstlerischen Entfaltung beinhaltet, auf der anderen Seite aber auch die Interessen von Konzernen behandelt und am Ende aufzeigt, wie ein von Außen oft skizziertes Paradies auch ein urbanber Ort sein kann, der zu Isolation führt. Die Tracks „I Think I Like You“ und „Don’t Be Alone“ ergänzen sich dabei und zeigen sowohl die romantisch-melancholischen, als auch die suizidalen Seiten eines Lebens exemplarisch. „Don’t Be Alone“ macht das handwerklich beeindruckend, startet mit der thematischen Einordnung, die MCNZI ins Mikrophon spricht und in der er feststellt, dass sich alle 40 Sekunden jemand das Leben nimmt. Ein Teil der Musik läuft bereits im Hintergrund, während MCNZI erklärt, was man dagegen unternehmen sollte: Raise Awareness. Do Not Be Alone. Danach sind gut 40 Sekunden vergangen und ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Hörer*innen daran denken mussten, dass in der Zeitspanne dieses Intros, statistisch gesehen, bereits ein weiterer Suizid sattgefunden hat. Das macht den Track nur noch eindringlicher und ist ein wirklich guter Take, der sich ein schwieriges Thema herausgegriffen hat.

Favorite Track ist trotzdem „Disco Hits“, den man sicherlich allen seinen Freund*innen zeigen kann und einfach freudige Gesichter als Reaktion bekommt. Aber wenn ihr deepe Themen besprechen wollt, dann gebt auch den anderen Songs eine Chance. Sie sind es wert.

Shacke One – Shackitistan

Ein Paradebeispiel für die Perfektion der eigenen Stärken hat Shacke One mit seinem Album „Shackitistan“ abgeliefert. Oldschool-Feeling dank heftiger BoomBap-Sounds ist dabei genauso am Start wie stabile Skills in Sachen Flows. Thematisch bleibt sich Shacke treu, beschreibt das Geschehen im Wedding und hängt weiterhin gerne in Kneipen ab. Was Shacke neben diesen bekannten Mustern noch stark hinbekommt, ist die Zelebrierung des Untergrunds, die sich mal im Dissen von schlechten Rappern, mal in der grundsätzlichen Attitüde, am eindrucksvollsten aber im Video zum Titeltrack „Shackitistan“ äußert. Dort wird bereits zu Anfang folgender Text eingeblendet: „Untergrund ist kein Ort. Untergrund ist eine Haltung.  Wir bleiben souverän und kompromisslos. Willkommen in der Gegenkultur. Willkommen in Shackitistan!“ Gute Ansage, der eine noch bessere Idee für einen Untergrund-Gig folgt, der leider von der örtlichen Security verhindert wird. Aber schaut euch das Ding einfach selbst an, es lohnt sich allemal. Der letzte Blogbeitrag hat sich übrigens auch den Untergrund vorgenommen, also klickt da drauf.

Ahzumjot – 19QT01: Recordings

„DIY, DIY, DIY“ kann man jetzt sowohl mit extrem Trettmann-Voice, als auch mit extrem Ahzumjot-Voice zitieren. Gute Sache eigentlich, denn während man Tretti in Zusammenarbeit mit KitschKrieg zwar den DIY-Gedanken an sich zugestehen kann, beinhaltet Ahzumjots Verständnis auch die Abkehr von Vermarktungsmechanismen der Musikindustrie. Und die schöpft das eben genannte Team aktuell voll aus. Aber zurück zu Ahzumjot. Sein letztes Projekt „Raum“ hat als immer wieder erweiterte Playlist funktioniert, die irgendwann fertig war und sogar auf Vinyl gepresst wurde. Ein unkonventioneller  Ansatz, der sich auch im Titel des aktuellen Releases zeigt. Die 19QT01 Recordings sind Aufnahmen, die über die letzten Jahre entstanden sind, aber aus verschiedenen Gründen nicht weiter verwendet wurden. Ähnlich wie bei anderen Tracks von Ahzumjot spielt Kritik an der Musikindustrie wieder eine wichtige Rolle, teilweise bekommt man auch Eindrücke in das Arbeitsleben des Rappers und taucht in seine tägliche Routine ein. Insgesamt wirkt diese Sammlung an Songs als Album vielleicht ein wenig zu durcheinandergewürfelt, die Recordings funktionieren aber ganz fantastisch, wenn man sich durchhört, ein paar Favorites pickt und die in Dauerschleife packt. Ein wenig random, aber nicht unangebracht. Wer noch mehr über die Hintergründe der einzelnen Tracks wissen will, sollte sich den Instagram-Account von Ahzumjot geben, dort gibt es kurze Geschichten zu jedem Titel.

Favorite: Nah Nah

Ebow live im Uebel und Gefährlich

Einen erwähnenswerten Gig gab es im April mal wieder im Uebel und Gefährlich. Dort war Ebow mit ihrem aktuellen Album „K4L“ am Start und hat am Karfreitag ordentlich abgerissen. Unterstützt wurde sie dabei unter anderem von One Mother, beim Konzert personifiziert von Natasha P. und Preach, die eine wirklich gute Performance geboten haben. Ihr Rap bzw. Gesang ist zwar sperrig, aber oft auch soft und melodisch, während die Beats trappy und absolute Bretter sind. Die Zeilen von Natasha und Preach sprechen eine deutliche und teilweise sehr berührende Sprache, wenn sie von Rassismus, Lookismus und anderen Diskriminierungen erzählen. Im Uebel und Gefährlich stehen sie auf der Bühne, wehren sich gegen genau dieses Verhalten und bekommen dafür Applaus. So sollte es sein. Erfahrener Schmerz wird in ausdrucksstarker Kunst thematisiert.

Zu Ebow hab ich auch schon einiges im letzten Recap gesagt. Man kann hier zusammenfassen, dass nicht nur das Album, sondern auch die Live-Performance sehr gut funktioniert. Dazu gab es einige alte Songs zu hören, die sich trotzdem gut ins Gesamtbild eingefügt haben, obwohl sie nicht wirklich dem Produktionsstil der letzten beiden Platten entsprochen haben. Unreleastes Material gabs auch noch und man darf hoffen, dass Ebow im Sommer noch ein Mixtape rausballert. Das wäre sehr schön, bis dahin solltet ihr einfach „K4L“ in Dauerschleife hören.

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