Recap 06/2019

Recap 06/2019

Foto: © Natascha P. / bereitgestellt von Seayou Records

Nichts mit Sommerpause. Spannende Alben gabs im Juni nicht zu knapp, im Recap bekommen vier davon ne Review.

Fatoni – Andorra

Fatoni hat mit „Andorra“ ein neues Soloalbum vorgelegt. Man darf es vielleicht als den Nachfolger zum Kollaborationsalbum „Yo, Picasso“ mit Produzent Dexter verstehen, der auch auf „Andorra“ maßgeblich Verantwortung für die Beats trägt. Nicht, dass Fatoni in der Zwischenzeit unproduktiv gewesen wäre. Mit „Im Modus“ hat er ein eher spaßiges Mixtape rausgehauen und zusammen mit Sängerin Mine ein Konzeptalbum über Beziehungen veröffentlicht. Trotzdem sind mit „Andorra“ eben andere Erwartungen verbunden, die Fatoni durchaus bewusst waren, wie er in diversen Interviewformaten während der Promophase erzählt hat.

Dementsprechend handeln die ersten Titel des Albums vom Erwachsensein des Rappers Fatoni, der doch so gerne Wortspiele nutzt und mit um die Ecke gedachten Punchlines und überlegten Flows überzeugen und vor allem unterhalten kann. Aber nicht erst seit diesem Release ist Fatonis Horizont weiter angelegt und bezieht gesellschaftspolitische Themen und Selbstreflexion mit ein. Besonders von zweiterem hört man auf Andorra viel. Der Titel „Alles zieht vorbei“ kündigt die Beschäftigung mit der Zeit bereits an und lässt die Hörer*innen an Fatonis vergeblicher Suche nach einem konkreten Ziel im Leben teilhaben. Unterstützt wird er von Dirk von Lotzow, der den Song mit tiefer Erzählerstimme beendet. Auch die Tracks „Die Anderen“ und „Clint Eastwood“, welcher Fatonis voranschreitendes Alter und sein dazu proportional sinkendes Verständnis für Rap der jüngeren Generation thematisiert, beinhalten selbstreflektierende Momente. Seine Erkenntnisse sind dabei nicht verbittert, denn Fatoni denkt viel zu differenziert, um blind alles Moderne zu haten und die eigene Musik damit überzubewerten. Trotzdem will die Mischung aus seiner Wortgewandtheit und der Ernsthaftigkeit mancher Gedanken nicht passend zusammenzugehen. Manch provozierender Gedanke wird im nächsten Moment wieder entschärft, weil Fatoni die Selbstkritik nicht zu kurz kommen lassen will. Zudem wirkt seine Kritik am „momentanen Zeitgeist“, den er durch die Thematisierung von Klamotten und Luxussymbolen, sowie offensive Adlibs charakterisiert, dann doch ein wenig platt. Ohne Frage sind viele Songs der Charts inhaltlich eher schwach, aber diese zu persiflieren, indem man ironisch „Versace, Versace, Versace, Versace“-Adlibs in den Hintergrund packt, wirkt dann doch sehr verkrampft. Immerhin kam der betreffende Song der Migos, der das offensive Droppen der Luxusmarke bewusst auf die Spitze treibt, vor sechs Jahren raus.

Auf der anderen Seite könnte man problemlos dagegenhalten, dass sich seit diesen sechs Jahren wenig geändert hat und trendende Deutschrapsongs weiterhin auf dieses Konzept setzen. Das macht Kritik an Fatonis Zeilen so schwierig. Denn sie sind durchdacht, üben erst Kritik und liefern im nächsten Verse bereits Kritik an dieser Kritik. Dazu sind die Produktionen auf „Andorra“ alles andere als altbacken, Fatoni und die zugehörigen Produzenten nutzen etliche Elemente von modernem, zeitgeistigem Rap in dem Wissen, dass daraus trotzdem ein Gegenentwurf zu diesem Zeitgeist entstehen kann. Auf den skitartigen Tracks „Digitales Leben“ und „Krieg das alles nicht hin“ geht dieser Versuch eines Gegenentwurfs durch Gitarrensound allerdings schief und hinterlässt wenig bleibenden Eindruck.

Das gilt leider auch im Gesamten für das Album, das eine klare Linie innerhalb einzelner Songs oft vermissen lässt. Dadurch wirkt die oftmals sinnvolle Kritik weniger überzeugend als sie es könnte. Bei all dem muss man Fatoni allerdings zu Gute halten, dass er in überzeugendster Art und Weise das ist, was YouTube-Stars so gerne sein wollen: authentisch. Die Auseinandersetzung mit dem Konzept von Authentizität hat er bereits selbst auf „Yo, Picasso“ geliefert, hier wirkt diese Eigenschaft in seiner Musik oft störend, weil sie provozierende Ansagen in den Austausch von ausgewogenen Argumenten verwandelt. „Andorra“ wird dadurch zu normal und alltäglich, um überzeugen zu können.

decent 6/10

Natascha P. – Adler

Die Rapperin Natascha P. aus Hamburg hat ihr Debütalbum „Adler“ veröffentlicht. Sie ist Teil des Kollektivs „One Mother“ und hat mit ihrer „Liebhaber des Halbschattens EP“, sowie mit einem Featurepart auf Ebows Album „K4L“ bereits erste Eindrücke hinterlassen, die sich auf ihrem Debüt fortführen. Dazu zählt beispielsweise die experimentelle Ausrichtung, die sich sowohl in den Lyrics, als auch in den Beats finden lässt. Einen ersten Ansatz bietet der etwas ältere Track „Asphalt“, der sicherlich zu den besten von Natascha P. zählt, aber durch eine bewusst leise gemischte Stimme im Track auch ein bewusstes Zuhören erfordert.

Bewusst Zuhören sollte man auch auf „Adler“, denn die Botschaften von Natascha P. sind feministisch, empowernd und angriffslustig. Sie zeigen aber auch die verwundbaren Seiten der Rapperin und ihren Umgang mit diesen. Der Adler, der zu Anfang noch beobachtet und als stolz, erhaben, kräftig und frei wahrgenommen wird, ist dabei das zentrale Motiv des Albums. Kein Wunder, dass sich Natascha P. in „Drei Meter Spannweite“ selbst in diesen Adler verwandelt und mit tiefer Stimme den Stadtraum erobert. Ihre Stimme setzt die Rapperin in fast allen möglichen Lagen ein und nutzt dabei verschiedene technische Hilfsmittel. Standard-Autotune hört man allerdings nicht, dafür werden auf „Gott ist tot, aber Natascha P. lebt“ zehn Gebote mit heruntergepitchter Stimme verlesen, auf „Bauchschmerzen“ mit hoher, beinahe anklagender Stimme das eigene Unwohlsein beschrieben. Manchmal frei gesprochen, mal mit übertrieben abgehacktem Flow verbreitet Natascha P. ihre Botschaften.

Diese dienen durchaus zur Identifikation. „Teilzeit-Hedonistin“ beschreibt das zeitlich begrenzte Loslösen von eigenen Sorgen und Problemen, während Titel wie „Bauchschmerzen“ und „Lonely Rider“ das Alleinsein thematisieren. Die Rapperin stellt sich gegen die Verwertung von jeder freien Minute als ‚Quality Time‘, sondern macht klar, dass es völlig ok ist, heute zu Hause zu bleiben. „Lonely Rider“ ist mit seinem aggressiven Beat, der nach harten Bässen in dunklen Clubs klingt, geradezu eine Zelebration der Eigenständigkeit. Ein Hit für all jene Leute, die sich nicht dafür rechtfertigen wollen, wenn sie an einem Freitagabend nichts mit anderen unternehmen wollen. Und die sich dafür auch nicht rechtfertigen müssen sollten.

Die Produktionen unterlegen die Lyrics dabei meist simpel, setzen auf Synthflächen und liefern dazu mal schnelle HiHats, mal zurückhaltendere Kicks und Snares, aber fast immer viel Hall auf diesen Sounds. Die Produktionen setzten weniger auf Details, als auf Attitüde und Stimmung, die durch sie vermittelt wird. „Adler“ ist ein experimentelles Album, das selten explizit ausformulierte Inhalte liefert, dafür aber mit den assoziativen und vielfältig inszenierten Texten von Natascha P. überzeugen kann. Der Sound auf dem Album bleibt wiedererkennbar, trotzdem ist keine Songgestaltung erwartbar. All das macht „Adler“ zu einem äußerst spannenden Debütalbum.

strong 8/10

 

The Raconteurs – Help Us Stranger

The Raconteurs haben nach elf Jahren Abstinenz, zumindest als gemeinsame Band, ein neues Album veröffentlicht. Seit „Consolers Of The Lonely“ ist viel passiert, die vier Bandmitglieder waren nicht untätig. Brendan beschreibt das in einem Interview mit dem niederländischen Sender 3voor12 relativ treffend: Er selbst hat mittlerweile zwei Kinder, Jack White hat in der Zwischenzeit drei starke Soloalben veröffentlicht und mit Third Man Records sein eigenes Label etabliert. Für eine Supergroup wie die Raconteurs sind lange Pausen, in denen sich um andere musikalische Projekte gekümmert wird, nicht ungewöhnlich. Trotzdem konnte man gespannt sein, ob „Help Us Stranger“ mit seinen beiden Vorgängern, die innerhalb von zwei Jahren veröffentlicht wurden, würde mithalten können.

Während insbesondere Jack Whites letztes Soloalbum „Boarding House Reach“ mit vielen experimentellen Sounds auffiel, bietet die Platte der Raconteurs eine klassischere Ausrichtung an Rockmusik. Gitarrenmusik für Fans von guter, alter Gitarrenmusik. Der Opener „Bored and Razed“ zeigt diese Ausrichtung exemplarisch, wobei das Album im Gesamten nicht an engen Grenzen orientiert bleibt. Die kraftvollen, wenn auch ein wenig uninspirierten, Akkorde des Openers lässt der fast-Titeltrack „Help Me Stranger“ vermissen und orientiert sich mit akustischen Klängen eher an Folk, als an Alternative Rock. Überzeugender sind da Titel wie „Only Child“, die eine solide Grundlage an Akkorden bieten, auf denen Brendan seine, im Vergleich zu Jack, melodischere Stimme einsetzt, während kurze Soli den Song strukturieren. Die Erfahrenheit der Musiker ist dabei eine große Stärke von „Help Us Stranger“. Soloparts wirken oft sehr überlegt, nicht zu hektisch und wissen durch passend gewählte und vielseitige Sounds zu überzeugen, ohne zwanghaft nach genialen Momenten zu suchen.

Teilweise wirken die Studioversionen etwas bieder und klingen zu sauber, um bis zum letzten Moment mitreißend zu bleiben. Ein Auftritt in der Live Show mit Stephen Colbert zeigt aber exemplarisch, warum man genug Gründe findet, sich ein Konzert der Raconteurs anzuschauen. Verzerrte Stimmen, schiefe Töne, freizügigere Soli und die sichtbare Freude der einzelnen Bandmitglieder, allen voran der exzentrische Jack White, machen aus einem soliden Rocksong einen spannenden. Glücklich, wer sich für seine Auftritte noch einen Dean Fertita in den Hintergrund stellen kann, um dem Sound den letzten Schliff zu geben.

Auftritte wie dieser lassen die musikalische Klasse der Band erkennen. Und die ist sich ihrer Rolle als ältere Gruppe, die zudem Gitarrenmusik macht, ziemlich bewusst. In einigen Interviews zum Album spielt die vermeintlich, wahrscheinlich sogar tatsächlich, sinkende Bedeutung dieses Genres eine Rolle. Weshalb sich die Raconteurs als Repräsentanten für Rockmusik verstehen und offensiv für diese einstehen. So traditionell ihre musikalischen Wurzeln auch sein mögen, ein Gespür für Zeitgeist findet sich im Output der Raconteurs ohne Zweifel. Implizit politische Ansagen in Richtung Donald Trump gibt es auf dem explosiven „Don’t Bother Me“, mit einem Handyverbot auf ihren Shows sorgt die Band für Debatten, genauso wie ein Statement von Jack White, das in den Sozialen Netzwerken veröffentlicht wurde. Dort erklärt er, warum verschiedene Medienhäuser, die seiner Meinung nach „trash journalism“ betreiben, kein Rezensionsexemplar des Albums erhalten haben.

 

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Die Raconteurs wissen um ihre Fähigkeiten und sind sich nicht zu schade, offensiv für ihre Überzeugungen einzutreten. Ihr Soundbild bleibt dabei abwechslungsreich und wirkt alles andere als festgefahren. Gleichzeitig propagiert die Band ein traditionelles Verständnis von (Live-)Musik und ist damit erfolgreich. Third Man Records hat mittlerweile eine Community von treuen Vinylkäufer*innen versammelt und lockt mit exklusiven Inhalten auf physischen Formaten. Für das Album „Help Me Stranger“ ist dieser Weg insofern aufgegangen, als dass er gegen modischere Wege des Vertriebs standhalten konnte. Das Album ist Nummer 1 der Billboard Charts, laut eigener Angabe wurden in der ersten Releasewoche 25.000 Vinyls verkauft. Sie lebt also noch, die gute, alte Gitarrenmusik.

solid 8/10

 

T9 – Maestro Antipop

Torky Tork und DoZ9, zusammen T9, haben zwei große Skizzen zum Ausmalen veröffentlicht. Das Doppelalbum T9#45 trägt den Titel „Maestro Antipop“ und ist das vierte Release des Duos. Lange genug durfte man auf die Platte warten, nachdem sich regelmäßige Hörer*innen bereits an den jährlichen Releaserhythmus gewöhnt hatten. Streng genommen lief die Promophase schon seit September 2017, denn damals wurde mit „Tabulos“ bereits ein Track von T9#4 gedroppt. Unklar lassen die beiden übrigens, welches der beiden Alben tatsächlich „Antipop“ und welches „Maestro“ ist. Die Entscheidung dazu dürfen die Fans proaktiv selbst fällen, genauso wie sie sich die einzelnen Aspekte dieser Platten erarbeiten müssen.

Stiltechnisch lassen sich zumindest deutliche Unterschiede zwischen beiden Teilen finden. T9#4 liefert die wahrscheinlich tanzbarsten Produktionen, die T9 bisher hervorgebracht haben. Torkys Beats verlieren ein wenig ihrer Rumpeligkeit, Claps treten an die Stelle von halligen Snares, Gesang von Featuregästen ergänzt die Rapparts. Deutlich mehr Fokus auf Bass bietet dagegen T9#5, wo düstere Soundelemente zur Geltung kommen, die eine insgesamt aggressivere Stimmung vermitteln. Was beide Platten gemein haben, ist die abstrakte Textebene, die man von T9-Alben gewohnt ist. Oft werden Zeilen und Namen nur assoziativ in den Raum geschmissen, „Tiffmord“ fordert sogar explizit dazu auf, eine Referenz zu googlen.

Immer wieder finden sich dabei Zeilen, die sich auf die ein oder andere Weise von der Massengesellschaft abgrenzen. DoZ9 entzieht sich oft der Deutung seiner Texte als politische Texte, indem er darauf hinweist, dass diese nicht zwangsläufig politisch gemeint sind. Trotzdem wird viel Ablehnung deutlich, wenn er das System der Selbstdarstellung in Sozialen Medien kritisiert oder sich über die klischeehaften Lebensentwürfe anderer Menschen lustig macht, egal ob Schlager-Mitklatscher oder #HealthyLife-Blogger. Dazu kommen seine Beobachtungen, die sich eben auch als gesellschaftspolitische lesen lassen, wenn er davon rappt, dass der Osten Eimer raucht (staatlich subventioniert) und erschreckend bildhafte Szenen häuslicher Gewalt schildert. Die exakte Deutung dieser Inhalte bleibt wie immer offen.

Mehr als die vorigen Alben, bietet „Maestro Antipop“ eine Vielseitigkeit an Inhalten, die Torky und DoZ musikalisch umsetzen. Diese Entwicklung hat sich seit dem ersten gemeinsamen Release konstant fortgeführt und sorgt dafür, dass der Output der beiden glücklicherweise unberechenbar bleibt. Auf „Maestro Antipop“ wird diese Vielseitigkeit durch etliche Featuregäste, die dem Album diverse Facetten verleihen, begünstigt. Konkret gibt es unter anderem hohen Gesang von Jamin auf Synth-Flächen von Fid Mella, subtil vermittelte Erotik in der exzentrischen Stimme von Rocco Vice, ASMRige Vocals von Wandl, aber auch genau getaktete Verse von Megaloh und zerstörerischen Content von Audio88. In alten Strukturen bleibt „Maestro Antipop“ einzig dann hängen, wenn man in der Vielzahl an Gästen nach Frauen sucht. Die sind nämlich nicht zu finden.

Ansonsten ist das Album ein kleines Universum, das etliche Stunden Beschäftigung verdient, in denen man sich an den Details in Beat und Text abarbeiten kann. Die beiden Standout-Tracks, die diese Platte rahmen, sind einerseits „Prosecco Boogie“ auf der hedonistischen und andererseits „Chuck Palahniuk (Blut)“ auf der zerstörerischen Seite. „Maestro Antipop“ ist Untergrund, ist Attitüde, ist Prosecco-Alarm, ist Sex mit deiner Mama, ist Erotik, ist Gewalt, ist Abgrenzung, ist Ansage, ist Kryptik, ist Avantgarde, ist Selbstbewusstsein, ist Bodenständigkeit.

safe 9/10

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