Recap 07/2019

Recap 07/2019

Foto: Screenshot aus dem YouTube-Video „Mini Mansions – Hey Lover ft. Alison Mosshart“ von ‚Mini Mansions‘

Summertime schön und gut, trotzdem werden hier natürlich Worte über Musik in den Laptop gehackt. Für den Juli gibt es eine vielseitige Mischung aus deutschsprachigen Releases, ein wenig US-Stoff und natürlich Kreatives aus dem UK.

Nepumuk – Fuereinbreiterespublikum

Einen Release-Freitag im wöchentlichen Rhythmus hat Nepumuk für die Veröffentlichung seines Albums „Fuereinbreiterespublikum“ nicht gebraucht und das Ding einfach an einem Mittwoch rausgehauen. In die hoch frequentierten Playlists der gängigen Streamingdienste wird er mit seinem Sound eh nicht eingebunden, weshalb der Albumtitel wenig Spielraum lässt, wenn es darum geht, in welchem Sinne sein Publikum breit ist. Die Vinylverkäufe laufen dagegen gut, zumindest ist seine LP im limitierten Bundle mit einer Zusatz-EP auf HHV bereits ausverkauft.

Damit sollte die grobe Richtung der Attitüde des Sichtexot-Releases bereits abgesteckt sein. Sollten noch Fragen offen sein, hilft das Intro, auf dem ein kleines Feuerwerk an Gedankenfetzen, die für die inhaltliche Ausrichtung wichtig waren, losgelassen wird. Wie es sich für Deutschrapper gehört, ist eines dieser Themen die Whackness anderer Deutschrapper. Im Fall von Nepumuk stehen vor allem jene Rapper im Fokus, die Charts dominieren, wenige und sich immer wiederholende Inhalte verbreiten und sich über die Markenklamotten an ihren Körpern definieren. Nepumuk bietet mit seiner Kritik dabei gleichzeitig den hörbaren Gegenentwurf ab. Die Beats sind nicht zeitgemäß, sondern mit Einflüssen aus Jazz und Funk plus BoomBap zeitlos gestaltet. Produziert sind sie von seinem Alter-Ego knowsum, Wun Two, Eloquent und Bill adlib. Darauf gibt es Punchlines zu hören, die teilweise Fragen aufwerfen, auf der anderen Seite so simpel sind, dass man sich regelrecht freut, wie schnell man ein Weltbild in Worte packen kann. Beispiel:

Du bist nicht cool, wenn deine Sneaker teuer waren. Sondern wenn du cool bist.

Von szeneinternen Themen schlägt Nepumuk außerdem eine Brücke zum kapitalistischen System und geht auf den großen Bereich des Internets ein. Es fällt nicht schwer, hier die Verbindungen zu finden und Nepumuk ist sich nicht zu schade auf diverse Symptome einzugehen, mit denen er nicht einverstanden ist. Das ist durchaus gehaltvoll, steht aber manchmal im Gegensatz zur musikalischen und flowtechnischen Ausrichtung, die immer locker und angenehm klingt. Der Track „Kauf“ ist mit Sicherheit einer der besten des Albums, ihm fehlt es aber an ein wenig Wut im Sound, um die Hörer*innen mal in revolutionäre Stimmung zu bringen. Diesen Schritt müssen sie schon selbst gehen. Die Übertragung der sozialkritischen Textzeilen in längere Sinngedanken kann dabei ein wenig schwerfallen, weil die Punchlines dauerhaft schnell hintereinander angefeuert werden. In Sachen Durchhörbarkeit einzelner Tracks sind dabei die hedonistischen Inhalte eindeutig im Vorteil und vermitteln die spielerische Leichtigkeit besser. Wer heutzutage allerdings Deutschrapalben dafür kritisiert, dass einzelne Titel zum vollen Verständnis mehrmals gehört, zwischendurch angehalten und kurz zurückgespult werden müssen, weil sich darin tatsächlich beschäftigungswürdige Inhalte finden, hat ein Luxusproblem. In diesem Sinne ist „Fuereinbreiterespublikum“ all denen zu empfehlen, die damit kein Problem haben.

solid 7/10

Slaves – The Velvet Ditch EP

Slaves haben nur knapp ein Jahr nach ihrem letzten Album „Acts Of Fear And Love“ die „The Velvet Ditch EP“ veröffentlicht. Wenig Promo, vier Tracks mit einer Laufzeit von nicht mal einer Viertelstunde. Besprechenswert ist die EP trotzdem, weil sie neue Seiten des Duos aus Kent aufzeigt. Der Titel „One More Day Won’t Hurt“ scheint direkt Bezug zu ihrer Heimatgegend herzustellen, lässt sich aber auch problemlos auf andere Gegenden übertragen. Auf gewohnt roughen Gitarrenriffs wird in Storytelling-Manier der Alltagstrott und die Stagnation des Lebens eines Kleinstadtganoven gezeichnet. Die Wiederholung von Handlungsmustern im Aufsuchen der immer gleichen Kneipe und den niemals interessanter werdenden Gesprächen, gepaart mit dem eigenen körperlichen Verfall und Drogenkonsum wird von Drummer und Sänger Isaac anschaulich ins Mirkofon geschrien und überzeugt vor allem in den szenischen Details.

Während auch das Soundbild von „It Makes Me Sick“ erwartbar ist, bringen der Titeltrack und insbesondere „When Will I Learn“ eine neue Perspektive. „The Velvet Ditch“ arbeitet mit akustischen Gitarrenklängen, während die EP mit einem Piano-only Track abgeschlossen wird. Beide kommen ohne die simplen Drumsounds von Isaac aus. „When Will I Learn“ ist sehr persönlich und beschäftigt sich mit eigenen Verhaltensweisen, die man schon längst loswerden wollte. Isaacs Gesang, begleitet von sanften Klavierklängen kreiert eine Stimmung, die Slaves in ihrer Diskographie bisher nicht abgebildet haben, funktioniert aber sehr gut als Kontrast. Lyrics und Instrument werden dabei nicht zu elaboriert gestaltet und wahren die Punk-Attitüde der beiden Bandmitglieder. Slaves setzten damit die Entwicklung des letzten Albums fort, auf dem sie ihr Songwriting bereits angepasst und mehr Variation zwischen einzelnen Titel geschaffen hatten. Das Ergebnis war unter anderem eine Akustik-Session, die vorher undenkbar gewesen wäre. Jetzt kann also auch der Flügel auf die Bühne gestellt werden. Die EP steuert mit diesem Schritt der Kurzweiligkeit entgegen, die etliche Titel bisher auszeichnete und zeigt, dass Slaves ernsthafte Ansprüche an die Weiterentwicklung ihrer Musik haben.

decent 7/10

 

Mini Mansions – Guy Walks Into A Bar…

Ein Albumtitel, der nach einem schlechten Witz klingt. Mini Mansions haben ihr drittes Studioalbum veröffentlicht und einmal mehr eine Vermischung der Genres Indie, Alternative Rock und Pop geschaffen. Ein schnelles Durchhören könnte bei manchen Titeln den Eindruck von Formatradiomusik hinterlassen, denn einige Titel sind schlichtweg eingängig und schreien geradezu „Popmusik“. Höchstwahrscheinlich bliebe trotzdem das diffuse Gefühl, dass irgendetwas an dieser Musik so viel anderes ist als der nervtötende Radiomix. Viel zu deutlich sind die einzelnen Instrumente herauszuhören, die so gar nicht glattgebügelt und undefiniert klingen. Fuzzy Bass, Synthie-Bass, ein voller Sound von Toms, sowie kreischende Gitarren reißen das Geschehen in vielen Momenten immer wieder an sich. Die Produktion fügt all diese Elemente in einer stringenten, catchy und so gut wie nie langweiligen Art zusammen, sodass am Ende Popmusik mit Rockattitüde entsteht. Jedes Element scheint perfekt auf seinen Einsatz abgestimmt zu sein, was zum eben genannten eingängigen Sound führt.

Und was besser zu einer zu einer Popattitüde als Songs über die Liebe und das Leben. Klingt abgedroschen und wird so leider auch ab und an in den Lyrics umgesetzt. Nicht alle Nummern wollen in dieser Hinsicht aufgehen, was dem Gesamtkontext aber wenig schadet. Was der Albumtitel ankündigt, wird in der thematischen Gestaltung zumindest umgesetzt, denn fast alle Titel könnten sich als Episode an diesen einleitenden Satz anschließen. Die Spanne reicht von der puren Lust am Tanzen, über verschwendete Nächte im Rausch, abstrakten Tresengesprächen bis hin zu Liebeskummer. Michael Shuman, der sonst als Bassist von Queens of the Stone Age entweder schweigt oder schreit, lebt hier seine musikalisch weichere Seite aus und überzeugt mit hohen Gesangseinlagen, die viel dazu beitragen, dass „Guy Walks Into A Bar…“ sexy klingt.

Nur am Ende lassen es Mini Mansions düsterer ausklingen und schließen das Album mit zwei epischen Heartbreak-Songs ab. Das einzige Feature, Alison Mosshart von u.a. The Kills, begibt sich dabei in einen Dialog mit Michael Shuman und handelt die zerbrechende Beziehung aus, was beide zum Weinen bringt. Mit dem Duett im bittersüßen Refrain wird aus „Hey Lover“ der Standout-Track des Albums. Das wird mit „Tears In her Eyes“ abgeschlossen, der exemplarisch einen düsteren Verse und einen deutlich aufgehellten Refrain bietet, der wiederum von den bitteren Lyrics kontrastiert wird.

Viele Tracks auf „Guy Walks Into A Bar…“ bieten klassische Songstrukturen und vermitteln Pop, überzeugen aber derart in den musikalischen Details und der Produktion, dass kein Eindruck von Oberflächlichkeit entsteht. Stattdessen zelebrieren die drei Bandmitglieder Themen und Sounds, die sie so in anderen Projekten niemals unterbringen könnten. Einfach guter Pop.

strong 8/10

 

Kurz & Knapp

Ein paar kurze Empfehlungen aus dem Juli gibt es noch hinterher.

Ratzen & Rennen

Da hätten wir einmal das Tape „Ratzen und Rennen“ von Donvtello und Tightill. Eine wirklich außergewöhnliche Mischung aus heftigem Flow von Donvtello auf der einen und weicheren, aber nicht weniger eindrücklichen Gesangseinlagen von Tightill auf der anderen Seite. Viele Tracks sind düster gehalten, knüpfen an Memphis-Sound an, der bisher vor allem von Donvtello praktiziert wurde, und erzählen von Corner, Gewalt und Cops. Stärkster Song ist der Titeltrack, grandios produziert von Brenk Sinatra.

Bugaboo

Hunney Pimp ist back und hat einen auf vielen Ebenen tollen Track veröffentlicht. Bugaboo ist besonders in Drums und Bass von Produzent Melonoid sehr dancy, Hunney Pimp spielt ihre Stärken sowohl in Gesang, als auch in Rap aus und dazu gibt es auch noch ein Video, das eine Storyline aufmacht und vielleicht sogar fortgesetzt wird. Was will man mehr. Hit!

Black Country, New Road

Wer bis zum Ende liest, bekommt den besten Stoff. Diese Band wird, beziehungsweise ist, der neue heiße Scheiß im UK. BC, NR ist eine sechsköpfige Band, die sich 2018 zusammengefunden hat. Bei einem Gig wurden sie dann von Dan Carey entdeckt, der als erfolgreicher Produzent mit eigenem Studio unterwegs ist und unter anderem für das Album „Schlagenheim“ von black midi verantwortlich ist. Die ist aktuell die wohl gehypteste Band moderner Rockmusik und Black Country, New Road könnte ihr folgen. Bisher existieren zwei Singles, die mit gewohnten Songstrukturen brechen, simple Abläufe in den Vordergrund stellen, aber trotzdem vielschichtig sind, was nicht zuletzt an der instrumentalen Besetzung liegt. Die aktuelle Veröffentlichung heißt „Sunglasses“ und spricht für sich. Wem dieses fast 9-minütige Stück gefällt, sollte sich dringend den Auftritt in „The Windmill“ geben. Großartige Kunst.

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