Recap 09/2019

Recap 09/2019

Titelbild: Screenshot aus dem YouTube-Video „Squid – The Cleaner (Official Audio)“ von ‚Squid‘.

Ihr habt lange genug gewartet, dass ein neuer Recap erscheint. Hoffe ich zumindest. Zur Überbrückung gibt es jetzt immerhin die Kategorie „Interviews“, die mit ein bisschen Glück auch in den nächsten Monaten am Leben gehalten wird. Bis dahin aber erst einmal klassische Rezensionen von Musik aus dem September. Die Auswahl an Veröffentlichungen war groß, deswegen gibts nur einmal Deutschrap (segne hoch!), zweimal UK-Rock und ein Release von Leuten aus dem deutschsprachigen Raum, die englische Texte mit einem avantgardistischen Zeitgeist-Sound für Feuilleton-Schreiber*innen und artsy Kunstausstellungsbesucher*innen verbinden. Damn son, where’d you find this?

Trettmann und KitschKrieg – Trettmann

Trettmann und KitschKrieg sind ein eingespieltes Team, das seit 2016 konsequent die deutsche Raplandschaft aufgerollt hat. Drei EP’s brachten einen frischen Sound, der vielseitig, aber auch wiedererkennbar war und lieferten erste Hits. Das erste gemeinsame Album „DIY“ wurde zum Instant-Classic und machte Trettmann vom spätberufenen Newcomer zum spätberufenen Deutschrapliebling quasi aller Raphörer*innen. Die Erwartungen und Ansprüche an das Nachfolger-Album waren hoch, logisch.

Das Intro des Albums sorgt direkt dafür, dass genau diese Phase des gemeinsamen Erfolgs aufgearbeitet wird. Ein typischer KitschKrieg-Beat mischt sich mit einer losen Ansammlung von Phrasen und Ausdrücken, die Trettmann in den letzten Jahren etabliert hat: Die Erwähnung von KitschKrieg, Standard, Herb, Raver, Schletti, schwarz-weiße Bilder. „Es war David gegen Goliath/Alle gönnen mir, dass ich gewonnen hab'“ rappt Trettmann dazu und wirft die Frage auf, welche Rolle er mit dem neuen Album und zweieinhalb Millionen monatlichen Hörer*innen auf Spotify heute eigentlich einnimmt.

Während das Intro noch dafür sorgt, dass man sich in die gewohnte Sound- und Gedankenwelt des Chemnitzers begibt, schaffen „Bye Bye aka Delicious“ und „Stolpersteine“ Versuche, das gewohnte Repertoire zu erweitern. Der erste Track wartet mit einem Break auf, der in einen House-Beat mündet, „Stolpersteine“ widmet sich der Verbindung zwischen Holocaust und dem aktuellen Erstarken rechter Bewegungen. Trettmann schafft eine beeindruckende szenische Darstellung, die nur durch das angespielte Producer-Tag von KitschKrieg unterbrochen wird, das unnötigerweise zwischen die bedrückendsten Zeilen gehauen wurde.

Leider bleiben viele andere Songs in erwartbaren und bereits vorher genutzten Mustern stecken. Trettmann stolpert durch das Nachtleben und über seine Emotionen, die er in den Songs verarbeitet, die KitschKrieg zwar niemals stillos, selten aber auch mitreißend oder gewagt gestaltet. Was schon die KitschKrieg-Singles zwischen beiden Alben angedeutet haben, führt sich auf „Trettmann“ fort: Erfolgreiche Parts werden so lange wiederverwertet, bis daraus neue Songs entstehen. Das Konzept „Remixing Yourself“ mag bei „Aua, Oh Oh, Gringo ist sauer“ noch einigermaßen witzig gewesen sein, lässt manche Parts des Albums aber uninspiriert wirken. Den Tiefpunkt bietet dabei das von Bonez MC gesampelte „Du weißt“ im gemeinsamen Song mit Gzuz, dem unnötigen Feature auf dem Album.

Mit Gastparts von Alli Neumann und Keke hat Tretti sonst guten Geschmack bewiesen und sich aufstrebende Künstlerinnen als Unterstützung geholt. Die Beiträge mögen nicht so legendär wie ein „120 Jahre“ mit Haiyti sein, aber passen in ein Album, das keine extremen Schwachpunkte hat, aber auch selten für Begeisterung sorgen kann. Trettmann und KitschKrieg sind so weit gekommen, dass sie sich nicht mehr im DIY-Stil hocharbeiten müssen, sondern jetzt die Marke „Trettmann“ verkaufen können. Dafür reicht ein langweiliger Albumtitel mit einem Cover, auf das man neunmal dasselbe Gesicht druckt. Nicht schlecht, aber eben nur Standard.

6/10

Squid – Town Centre

Squid ist eine jener aufstrebenden UK-Post-Irgendwas-Bands, die zurzeit die endlos durchgespielten Muster von Rockmusik neu denken. Im Falle von Squid könnte man Post-Punk attestieren, der, wie zuletzt so viele Talente, bei Dan Carey und seinem Label „Speedy Wunderground“ stattfindet.

Das Aufbrechen dieser Muster findet beispielhaft im EP-Opener „Savage“ statt, der wenig Struktur aufweist, eher wie ein Deep Listening daherkommt und dabei über fast fünf Minuten Spielzeit einen sphärischen und trotzdem kratzigen Sound aus Synthies, Streichern, Gitarren und einer 808 bietet. Stellt man sich zwischendurch die Frage, wie lange ein Song Spannung aufbauen kann, ehe er sich in einem neuen Part entlädt, wird man hier keine Antwort finden, sondern muss sich direkt zum zweiten Track „Match Bet“ begeben. Der wechselt zwischen Elementen aus Indie und Post-Rock und bringt dazu die markante Stimme von Drummer Olli Judge ins Spiel. Die Instrumente sind vielseitig, Soli wechseln zwischen Blasinstrumenten und Gitarren, während der Song fantastische Übergänge in der Dynamik einzelner Songabschnitte schafft.

Der Überhit ist allerdings „The Cleaner“. Eine spielerische Bassline, eine Cowbell und der extrovertierte Gesang schaffen hier eine siebeneinhalbminütige Mischung aus sich wiederholenden Pattern, die funky sind, und verworrenen Breaks, in denen sich die einzelnen Spuren vermischen, sich ins chaotische steigern, nur um wieder im basic Beat zu enden. Innerlich tot, wer das nicht fühlt.

„Rodeo“ begibt sich zum Ende der EP wieder in ruhigeres Fahrwasser, arbeitet mit hallenden Drums und bleibt insgesamt unaufgeregt. Trotzdem gib es dazu erneut die Screaming-Voice von Olli Judge, die dem Song Energie bringt, eher er abklingt. Damit schaffen Squid die Rahmung einer 4-Track-Ep, in deren Zentrum sich zwei abwechslungsreiche Songs finden, die von mehr oder weniger geordneten Soundexperimenten umschlossen sind. „Town Centre“ bietet mehr als zwanzig Minuten Rockmusik, in deren Details man sich verlieren kann. Anspruchsvoll und vielversprechend.

8/10

LIFE – Picture of Good Health

Das klassische Genre Alternative Rock bedienen LIFE. Obwohl dieses Genre insofern wieder unklar scheint, da es auch ein Sammelbecken verschiedener Stile der Rockmusik ist. Die haben in der Regel aber gemeinsam, dass sie deutlich klarer strukturiert sind, als beispielsweise das, was Squid machen. Das trifft auch auf das zweite Studioalbum „Picture of Good Health“ von LIFE zu.

Krach und Energie starten das Album mit dem quasi Titeltrack „Good Health“ und bestimmen auch den Stil der folgenden Songs. Schnelllebige Nummern, fast immer unter drei Minuten. Die Besetzung besteht klassisch aus Gitarre, Schlagzeug und Bass, wobei soundtechnische Ausflüge zum Beispiel im Track „Excites Me“ umgesetzt werden, der aus der E-Gitarre einen hohen Synthiesound macht.

Die Kernkompetenz liegt allerdings im forward Rock, der knackig produziert ist. Dafür verantwortlich sind Luke Smith, der schon mit Depeche Mode und Foals zusammengearbeitet hat, und Claudius Mittendorfer, der unter anderem an Alben von Weezer und Parquet Courts mitgearbeitet hat. Die beiden wissen, wie man einen erkennbaren Stil zusammenmixt, der sich trotz der klassischem Songwriting, Instrumentierung und Effekteinsatz finden lässt.

Standout-Hit ist dabei die Singleauskopplung „Bum Hour“, die aus einer mehr als soliden Bassline, halligen Drums und reinflatternden Gitarrenparts besteht. Auf kraftvolle Weise umgesetzt und mit herausstechenden, leicht gebrüllten Lyrics ergibt das den ergiebigsten Song des Albums, der gleichzeitig auch der längste ist. Der Rest des Albums fällt von diesem Niveau nicht stark ab, bringt aber auch weniger Varianz, als man sich gewünscht hätte. Zwar werden hin und wieder verschiedene Stile eingebaut, die mal nach Depeche Mode, mal nach Franz Ferdinand-Referenz klingen, wirklich konsequent durchgezogen werden diese Entwürfe allerdings nicht.

Das gilt auch für die thematische Ebene, wobei dies der Konzeption des Albums geschuldet ist. War das Debütalbum noch an politischen Themen ausgerichtet, schaut das Brüderpaar und Textduo der Band, Mez und Mick, im neuen Album auf sich selbst. Das bedeutet vor allem Texte, die die eigenen Emotionen reflektieren und sich dabei an persönlichen Ereignissen orientieren. Das wird oft ernst, im Track „Thoughts“ aber auch spaßig umgesetzt. Eine Verbindung zwischen politischer Ausrichtung und der persönlichen Perspektive hätte für mehr Vielfalt sorgen können, so schafft die Band zumindest ein teilweises Konzeptalbum. Lässt man sich auf den Sound ein, hat man unterhaltsame 13 Titel, die einen mitreißenden Sound und Einblick in die Emotionswelt von LIFE bieten.

Solid 7/10

Gaddafi Gals – Temple

Die Gruppe „Gaddafi Gals“ hat mit „Temple“ ihr Debütalbum vorgelegt, nachdem 2017 bereits die EP „death of papi“ erschienen war. Die Mitglieder der Gaddafi Gals sind blaqtea, die man sonst als Rapperin Ebow kennt, slimgirl fat, die 2018 ihre EP „ugly“ veröffentlichte, und walter p99 arke$tra, der als Produzent tätig ist. Wie oben schon angedeutet, erreicht ihre Musik, in diesem Fall die erste EP der Gaddafi Gals, eine durchaus artsy Bubble, die ihnen bereits einen Beitrag in der New York Times eingebracht hat. Dementsprechend gibt es auch auf dem neuen Album keinen Standard-Sound, sondern experimentelle Ausflüge.

So klingt der Opener „Smoked Out Loced Out“ in den Vocalsamples direkt nach dem Dirty South der USA, ist ein bisschen chopped and screwed, mischt dann aber sphärischen Gesang in den Hintergrund, den man in Memphis wohl nicht nutzen würde. Dazu ein paar Zeilen Rap und fertig ist eine von vielen Genres durchzogene Soundkulisse. blaqtea flowt dabei auf Englisch, insgesamt stehen die Rapparts aber weniger im Fokus als bei ihren Soloprojekten. „Temple“ legt Wert auf den Gesamtklang der Werke, der diverse Instrumental- und Gesangsspuren miteinander verfließen lässt, teilweise mächtig anschwillt und sich steigert, ehe eine trockene Snare ins Geschehen klatscht und dem Sound wieder Struktur verleiht.

Manche Tracks setzen auf repetitive Schleifen von Abläufen, bei anderen stößt Mumble-Gesang dazu, teilweise setzt sich der Flow in den Vordergrund und stellt die englischen Skills unter Beweis. Das ganze Album ist sehr facettenreich gestaltet und mit vielen Details versehen, die man nach und nach entdecken kann. Dabei taugt „Temple“ sehr gut zum Eintauchen und konzentriertem Hören, bei dem man sich mit nichts anderem beschäftigt. Gaddafi Gals sagen selbst, dass der Gesamteindruck der Sounds bei ihren Album im Vordergrund steht und das merkt man. Interludes mischen sich zwischen Tracks mit Gesang, fügen sich aber nahtlos in die Soundästhetik ein, die avantgardistisch daherkommt und von Elementen aus R’n’B und Phonk getragen wird. „Temple“ ist ein teilweise minimalistisches, teilweise drückend aggressives, aber immer stilsicher arrangiertes Album.

Strong 8/10

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