Recap 11/2019

Recap 11/2019

Kurz vor Ende des Jahres kommt nochmal Leben in den Blog. Recap 11/2019 hat Platz für zwei Albenreviews und eine Behind JUICE-Story zum Thema SKEPTER.

Warmduscher – Tainted Lunch

Ein Album, das mit einem eingesprochenen Intro von Iggy Pop im bester Radiomoderator-Manier startet, deutet an, dass hier abgeliefert wird. Warmduscher kommen trotz Bandnamen aus England, sind eine Art Untergrund-Supergroup und haben eine riesige Mixtur diverser Genres zu einem Album gemacht. Titeltrack „Tainted Lunch“ übernimmt die Rolle eines nachgeschobenen musikalischen Intros und überzteugt mit einem simplen Gitarrenriff, das im Arrangement mit den restlichen Instrumenten wie der Opener einer Show wirkt. Das Riff fordert Bewegung, die Drums sind locker, aber treibend, die Tonlage erhöht sich zwischendurch leicht und baut Spannung auf. Als ob gleich der Vorhang aufgehen würde und eine fabulous Rhythm & Blues Revue Show ansteht. Tut sie allerdings nicht und in den nächsten Songs werden die Genreeinflüsse dermaßen schnell miteinander vermischt, dass man es auch gleich lassen kann, sich an irgendwelchen Kategorien festzuhalten. Silly Pop, Bluesbreaks mit extremer James Brown Sexmachine Voice, energetischer Funk, nostalgischer Western und HipHop treffen aufeinander und werden in einer Produktion, die immer eine gewisse Rohheit ausstrahlt, zu einer Art Punk-Album. Das bietet eigentlich alles, was ein Album bieten kann. Es gibt den Dancehit „Disco Peanuts“, es findet schnelle Rocksong wie „Fill It, Don’t Spill It“, Featuregast Kool Keith liefert Trapausflüge, die in einen Mix aus Old- und Newschool-Elementen münden. Allein diese experimentelle Ansammlung mag schon interessant klingen, ein Album voll klischeehafter Adaptionen wäre aber trotzdem unnötig gewesen. Warmduscher „Tainted Lunch“ bietet fantastischerweise das Gegenteil davon und versteckt viele Details in jedem Arrangement. Alle Tracks haben ihren eigenen kleinen Twist, ihr eigenständiges und somit immer wieder neu erschließbares Soundbild. Selbst simple Abläufe, wie zum Beispiel in „Blood Load“, haben eine eigene Anziehungskraft und wirken beim Hören facettenreich. Einmal mehr muss man in diesem Jahr Dan Carey dafür danken, wie fesselnd und aufregend Rockmusik klingen kann, denn er hat das Album produziert. Ein rotzfreche Platte voller Experimente, die unerwartet sind, aber alle aufgehen.

10/10

10

 

OG Keemo – Geist

Kurz vor Ende der Dekade ist es OG Keemo gelungen, einen Deutschrap-Classic dieser Ära zu releasen. Obwohl es sein Debütalbum ist, waren die Ansprüche an den Zonkeymobbster, der sein komplettes Album von Funkvater Frank hat produzieren lassen, bereits hoch. Die EPs „Skalp“ und „Otello“ waren die Vorboten, die erahnen ließen, welches Potential sich im Rap Keemos verbirgt. „Geist“ ist ein düsteres, hartes Album, das selten auf die Bremse tritt und Keemos mächtige Stimme in tiefer Lage eindrucksvoll auf bassgetriebenen Trap-Brettern zur Geltung bringt. Ebenfalls düster, teilweise bedrückend und mit einer immanenten Bedrohlichkeit vorgetragen sind die Texte auf „Geist“. OG Keemo reflektiert die Lebensumstände seiner Jugend, die nicht nur aus familiären Problemen bestehen, sondern auch von Alltagsrassismus geprägt sind. Auch der herausragendste Song des Albums, „216“, thematisiert diesen und ist einer der beeindruckendsten und gleichzeitig schmerzhaftesten Songs, die zu diesem Thema jemals im deutschsprachigen Raum veröffentlicht wurden. Obwohl so aggressiv, sind es gerade die persönlichen Texte, die das Album so stark machen. „Zinnmann“ ist eines dieser Beispiele für einen Track, der zwar nicht Hit ist, aber dafür vielschichtig und unangenehm auf die kalte Gefühlswelt von OG Kemmo eingeht. Weniger eindrücklich sind die Abschnitte in denen er flext, representet und den eigenen Status zelebriert. Zwar findet all das auf gutem Niveau statt, der Flow ist bedrohlich, die Beats knallen, aber den Zeilen fehlt schlicht die Tiefe und Bedeutung. Das wäre auf einem durchschnittlichen Album weniger ins Gewicht gefallen, hier ist die Messlatte aber teilweise so hoch, dass es eben auffällt. Nur wer könnte ein Album voll von tiefgehenden Momenten erwarten, wenn ein solches Skillsets vorhanden ist?  Keemo will sich austoben und es sei ihm gegönnt. „Geist“ bleibt ohnehin eines der wichtigsten Deutschrapreleases des Jahres.

9/10

 

#RIPrint JUICE

Öffnet man das letzte gedruckte Heft vom JUICE Magazin auf Seite 121, nach der man kurz suchen muss, da sie keine gedruckte Seitenzahl hat, dann ist dort in der Kategorie Reviews die Jahreszahl 2016 und der Künstlername SKEPTER abgedruckt. Damit hat ein kleiner Teil jener Twitter-Lingo ihren Weg ins Heft gefunden, der auf dem Social Media-Kanal der JUICE schon länger stattfindet – und vielleicht auch in der internen Kommunikation. Künftig wird diese Lingo nicht mehr gedruckt, sondern findet dort statt, wo sie herkommt. Im gottverdammten Internet. Natürlich ist die Skepter-Headline kein Easter-Egg mit zukunftsweisender Metapher, sondern das Produkt einer längeren Fehlerkette, die mit meinem Word-Dokument beginnt und an deren Ende mein Name unter dieser Review steht. Trotzdem macht sie klar, wo die JUICE hinmuss: Dorthin, wo man solche Headlines eine Minute nach Veröffentlichung anpasst und auf „Beitrag aktualisieren“ klickt.

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