Soundexplosion | Boarding House Reach von Jack White

Soundexplosion | Boarding House Reach von Jack White

Warum Jack White mit Boarding House Reach?

Mit Jack White kommt zum ersten Mal ein wenig Rock in den sonst eher raplastigen Blog. Die Auswahl fällt nicht schwer, da Jack White fast nur gute Projekte mitgestaltet, egal ob White Stripes, Raconteurs oder The Dead Weather. Dazu kommt noch sein eigenes Label „Third Man Records“ auf dem auch seine Soloplatten erscheinen, die immer verschiedene Elemente aus den anderen Projekten zu vereinen scheinen. Daher war diese Auswahl viel spannender als halbrelevante , mehrfach verschobene Deutschrapreleases, die am selben Freitag erschienen sind.

Wie klingt der Sound von Boarding House Reach?

Experimentell, konfus und modern. Verteilt über die gesamte Albumlänge finden sich die typischen Elemente der Rockmusik von Jack White. Die quietschenden, hohen Gitarrensoli, der Einsatz von Piano als führendes Instrument, kraftvolle Riffs. Der Opener „Connected By Love“ ist einer dieser eher klassisch klingenden Songs, zumindest im Refrain. Doch schon der Beginn deutet an, das mit elektronischen Sounds gearbeitet wird. Auch „Over and Over and Over“ kommt als Rocksongs durch und durch und mit einem eingängigen Gitarrenriff daher. Dazwischenn allerdings bietet die LP viel Platzfür andere Musikentwürfe. „Why Walk a Dog“ greift zu Drumcomputern, Hypermisophoniac vereint schräg tönende Klänge zu Musik, „Get In the Mind Shaft“ verzerrt Jacks Stimme bis zu Unkenntlichkeit. Statt bekanntem Piano, gibt es oft Synthie-Sounds und Orgelflächen, die die Tracks leiten. Das bringt einiges an Abwechslung, genauso wie es auch facettenreiche Stimmungswechsel zwischen den einzelnen Stücken gibt.

Das schon erwähnte „Why Walk a Dog“ kommt sehr minimalistisch rüber und wird direkt von etwas wilderen Block ab „Corporation“ abgelöst. Das startet mit einem schwungvollen, einprägsamen Schlagzeugpart, der auch zum Ende des Songs noch einmal auftaucht. Ein weiteres dieser herausstechenden Instrumente sind die Bongos, die ihren Einsatz bspw. bei „Over and Over and Over“ bekommen. Auch wenn sie hier erst im letzten Teil dazukommen, können sie die Energie des Songs zum Höhepunkt steigern, wie es sonst kein eingesetztes Instrument hinbekommt. Der letzte Song „Humoresque“ schafft dagegen eine ruhige, friedvolle Atmosphäre, bei der wieder auf klassische Pianoklänge eingesetzt werden und ein Crescendo den Schlusspunk von BHR markiert. Wirklich alleine komponiert hat diesen Track Jack White allerdings nicht, die Lyrics kommen auch nicht von ihm. Warum der Song quasi im Knast entstanden ist, erklärt er bei Jimmy Kimmel.

In beinahe jedem Song findet sich ein stilgebendes Mittel, das ihn prägt, wobei selten in Richtung Country und Folk, dafür in eine elektronisch-experimentelle Richtung gelenkt wird. Es wirkt so, als ob sich aus jeder verschiedenen Idee, die Jack White beim komponieren des Albums gekommen ist, ein eigener Titel entstanden ist, ohne auf Einheitlichkeit zu achten.

Was kann der Text?

Boarding House Reach ist spielerisch, philosphisch angehaucht und lässt den Hörer_innen meist einiges an Freiraum, um sich eigene Gedanken zu den möglicherweise transportierten Botschaften zu machen. „Connected By Love“ macht da zwar als etwas harmloser Song keinen guten Anfang, danach wird es allerdings besser, denn Jack White denkt über das Verhältnis zwischen Mensch und (Haus-)Tier nach. Darin kann man eine gern eine zweite Ebene suchen oder man geht davon aus, dass er einfach einen Gedankengang niedergeschrieben hat. Beides scheint nicht unwahrscheinlich. Genauso kryptisch stellt sich „Corporation“ dar, das locker eine Parodie auf den Start-Up-Hype sein könnte, aber nicht muss. Weniger spaßig wird es bei „Over and Over and Over“, in dem Jack Vergleiche zu Figuren der griechischen Mythologie, genauer Sisyphos, zieht und mit seiner unüberwinbaren Angst zu kämpfen hat.

„Anxiety and I, rolling down a mountain (Over and over)“

Große Worte folgen auch in „Everything You’ve Ever Learned“, ein Song im Stile einer sich steigernden Predigt, der simple Antworten auf gewichtige Fragen gibt.

„Do you want everything? Then, you can have everything. But what is everything?“

„Do you wanna see it all? Well, you can just open your eyes“

Was man davon halten soll? Nicht klar. Eindeutig wird dann aber die schlussendliche Anweisung: „Shut up“! Auffällig sind auch die Lyrics zu „Ezmeralda Steals the Show“, die nicht gesungen, sondern erzählz werden. Hier braucht man nicht zu rätseln, welche Botschaften Jack im Text versteckt hat, denn in einem Interview hat er erzählt, dass ihm die Idee zum Song bei einer tatsächlichen Schulaufführung von einem seiner Kinder gekommen ist. In seiner Fantasieversion endet diese Aufführung immerhin sehr witzig. Anders als das Duett mit Esther Rose, in der eine Pistole auf zwei Personen kommt, am Ende eine davon gehen muss und man selber rätseln darf, wer es nun sein soll. Wechseln sich eher postive und negative Eindrücke oft ab, ist immerhin der Rahmen des Albums freundlich gehalten. Denn wie oben schon erwähnt, ist Humoresque für Zeilen aus dem Gefängnis sehr sanft gehalten.

Altogether

Freigelassene Energie, Humor, genügend Raum für Interpretationen und vor allem eine Innovation der Instrumente machen die Platte spannend bis zum letzten Song. Einzig „Connected By Love“ fällt als durchschnittlicher Track heraus, während alle anderen ihre indivuellen Momente kreieren können. Das Album ist auch deswegen gut im Fluss, weil einige Titel die Länge von 2:30 nicht überschreiten und wie assoziative Gedankenspiele zwischen den ausgereiften Nummern stehen.

Mit seinen Songentwürfen wirkt Jack White so jugendlich, wie schon lange nicht mehr auf einem Album, trotzdem ist das Produktion der Tracks genau abgestimmt. Das wird an manchen Stellen zu professionell gemischtem Krach, der neue Seiten seiner musikalischen Ideen zeigt.

Der besondere Song?

Ist „Over and Over and Over“. Jack White schafft es auf seinem Album, den eigentlich typischsten Rocksong, der seine gewohnten Qualitäten aufzeigt, hervorstehen zu lassen. Das gelingt, weil die restlichen Tracks nicht in diese Richtung drängen, sondern viel diverser sind. „Over and Over and Over“ kann einmal voll reinhauen, ohne dass man das Gefühl hätte, es wurde schon davor versucht. Der Song hat das beste Riff des Albums, Arrangement von Text und Musik gehen Hand in Hand. Sieht man sich die Platte als Vinyl an, ist „Over and Over and Over“ außerdem der viel bessere Seitenstart im Vergleich zur A-Seite. Und simultan zum Songs ist auch das Video top geworden, nutzt ebenfalls nur einige wiederkehrende Elemnte und packt diese ansehnlich zusammen.

Es wundert nicht, dass der Song anscheinend schon 2005 geschrieben wurde und für die White Stripes in Betracht gezogen wurde. Der Stil ist allerdings um so viele kleinere musikalische Einschübe ergänzt, wie es wohl nie ein White Stripes Song war, die allesamt eher roh blieben.

Was sollte man machen, während man Boarding House Reach hört?

Lasst einfach mal eure Hauskatzen und Hunde für ne dreiviertel Stunde raus auf einen Spaziergang gehen. In der Zeit könnt ihr entspannt das Album durchhören, danach die Wohnungstür öffnen und euer Haustier wohlbehalten davor finden. A dog doesn’t need to be walked.

Für überfahrene Haustiere kann ich leider keine Haftung übernehmen.

Note

Zum Zeitpunk seiner Veröffentlichung das beste Album des Jahres. Hoffentlicht kommt noch Musik, die dem Album diesen Titel streitig macht. Wär sonst wirklich langweilig. 9/10

 

 

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